Die Hexerin

von Jason Dark

Hexerin

Fünf männliche Leichen geben Mason Flint, dem Sonderermittler der Londoner Metropolitan Police, Rätsel auf. Die Toten sind nicht nur mit silbernen, antiken Hutnadeln gepfählt worden. Sie weisen außerdem auch seltsame Bisswunden am Hals auf und haben keinen Tropfen Blut mehr im Körper. Ein Umstand, den Mason bislang immer ins Reich der Vampirlegenden verwiesen hat.Sehr schnell wird ihm klar, dass er in der Vergangenheit forschen muß, wenn er die Fälle lösen will. Die Spur führt ihn zu einer gewissen Doriana Gray, eine faszinierende, aber undurchsichtige Frau, von der sich Mason wider Willen angezogen fühlt. Bald muss er jedoch feststellen, dass Doriana nicht nur von einem düsteren Geheimnis umgeben ist, sondern auch gefährlich ist. Leseprobe:

Die Lady war eine Augenweide, und sie war allein!

Sie stand nahe einer Laterne, eine Zigarette zwischen den blutrot geschminkten Lippen, und ab und zu glühte der Glimmstängel auf, wenn sie daran saugte.

Die Haltestelle lag recht einsam in der Nähe des Parks. Schwaden aus Feuchtigkeit zogen träge durch die Baumreihe und wehten hoch bis zu den Gipfeln. Doch auch über den Boden kroch der Nebel und wallte um die schlanken Beine der Lady, die Mike Rymer bereits eine Weile aus seiner sicheren Deckung heraus beobachtete.

 

Die vierte Morgenstunde war bereits angebrochen. Da lag selbst eine Riesenstadt wie London im Schlummer, um sich ein wenig zu erholen und auf den neuen Tag vorzubereiten.

Rymer hatte allein einen kleinen Zug durch die Gemeinde gemacht. Das brauchte er hin und wieder.

 

Er wohnte nicht weit entfernt, hatte sich in der Nähe einige Whiskys gegönnt und war anschließend durch die Nacht gestreunt. Den Plan, noch eine Braut aufzureißen, hatte er bereits fallen gelassen. Dann hatte er diese heiße Lady erspäht.

Möglicherweise war die Nacht doch noch nicht vorbei. Er war einsam, sie war es ebenfalls, und vielleicht wollte sie ein wenig Spaß haben. Wobei Rymer überlegte, ob sie vielleicht nicht auch eine Nutte war, denn der Lackmantel, den sie trug, hatte irgendwie etwas Verdorbenes an sich. Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, dann hatte sie bestimmt Feierabend gemacht, denn in dieser Gegend würde sie sicherlich nicht auf einen Kunden treffen, erst recht nicht um diese Uhrzeit.

Als Kunde sah sich Mike Rymer allerdings nicht an. Er wollte seinen Spaß haben, nur wollte er nicht dafür bezahlen. Er meinte, so etwas nicht nötig zu haben.

 

Sie hatte ihn offenbar noch nicht gesehen. Nun, er würde sie ansprechen und schauen, was dabei rumkam. Die Haltestelle hatte ein Wartehäuschen: vier Metallpfosten, die ein Dach stützten, darunter eine Bank.

Als hätte die Frau seine Gedanken gelesen, setzte sie sich in Bewegung und trat in den Schutz des Wartehäuschens. Daraufhin sah er sie nicht mehr so gut wie zuvor, obwohl das Licht der Laterne sie trotzdem noch erreichte. Rymer holte tief Luft. Gleich mehrmals atmete er ein. Er wollte herausfinden, wie weit er gehen konnte. Sie stand nur wenige Schritte entfernt, und er ging so, dass sie ihn erst im letzten Augenblick sah, als er schon fast vor ihr stand.

 

Sie schaute ihn an, doch ihr Blick zeigte keinerlei Überraschung.

Selbst bei den schlechten Lichtverhältnissen stellte er fest, dass ihre Augen sehr dunkel waren. Sie kamen ihm vor wie schwarz polierte Perlen. Sie war eine wahre Schönheit, auch wenn ihr Gesicht sehr blass wirkte.

Dennoch –

für so eine Frau beging man mehr als eine Sünde.

Aber ihre Haltung sorgte auch dafür, dass etwas von seiner überheblichen Selbstsicherheit zusammenfiel. Auf einmal fühlte er sich irgendwie hilflos. Er stand auf der Stelle wie ein dummer Junge, und es hätte nur noch gefehlt, dass er bis über beide Ohren rot geworden wäre.

 

“Hi”, sagte sie nur. Ihre beiden Hände steckten in den Taschen des Lackmantels, auf dessen Außenschicht die Wassertropfen wie Tränen glänzten.

 

Mike Rymer spürte das Eis in seinem Innern brechen. Er schaffte ein Lächeln, dann nickte er ihr kurz zu und fragte: “Auch allein?”

“Siehst du das nicht?”

“Ja, war ’

ne blöde Frage.”

“Was willst du?”

Er kam noch einen Schritt näher. Erst da wehte ihm ihr Parfüm in die Nase. Es war ein Duft, der ihm nicht gefiel, vielleicht eine Spur zu schwer oder zu süßlich.

“Wir beide brauchen in dieser Nacht nicht allein zu bleiben”, sagte er.

Da war keine Regung in ihrer Miene zu erkennen, als sie sagte: “Schlag was vor!”

Rymer schluckte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so schnell zur Sache kommen würde, und er überlegte wieder, ob sie vielleicht doch eine Professionelle war. Wenn das zutraf, dann war sie nicht irgendeine billige Straßennutte, sondern ein spitzenmäßiges Callgirl, das stand für ihn fest.

“Ich … ähm …

wohne nicht weit von hier.”

“Wie schön für dich.”

“Wir könnten …

“Zu dir, meinst du?”

“Klar, das ist …

Wieder wurde er unterbrochen. Diesmal durch ein Kopfschütteln. “Lieber nicht.”

“Hast du Angst?”

Da lachte sie auf, legte dabei den Kopf in den Nacken und lehnte den Oberkörper zurück, sodass sich der Lack ihres Mantels über den Brüsten spannte.

“Angst?”, höhnte sie. “Wovor sollte ich Angst haben? Nein, ich habe keine Angst.”

“Was ist denn daran so …

“Es dauert mir zu lange.”

“Wie?” Nun wurde er doch rot im Gesicht.

“Hast du mich nicht verstanden? Es dauert mir zu lange. Du willst mich bumsen, das sehe ich dir an. Okay, das kannst du haben. Nur habe ich keinen Bock auf irgendwelche Vorspiele. Ich bin ebenfalls heiß, verstehst du?”

Ihm blieb die Spucke weg. “Ja, ja, aber …

“Wir können es gleich hier machen.”

Rymer schluckte. Bei allem, was er sich vorgestellt hatte, mit diesem Vorschlag hätte er nicht gerechnet. “Du meinst …

hier?”

“Wo sonst? Wir haben hier Platz. Und wir sind hier allein.” Und nach diesen Worten öffnete sie ihren Mantel. Sie zog ihn nur langsam nach unten und erinnerte dabei an eine Stripteasetänzerin, die es besonders spannend machen wollte.

Rymer bekam Stielaugen.

Die Frau trug nichts unter dem Mantel.

Sein Blick saugte sich an ihren Brüsten fest, dann glitten sie zu dem Dreieck zwischen ihren Schenkeln, das ihn zu locken schien.

“Oh Scheiße …

“, flüsterte er.

“Was denn? Willst du nicht?”

“Doch, doch“, sagte er hastig. „Nur … Es geht mir etwas schnell. Da … da …

Ich meine, damit muss ich erst mal zurechtkommen.”

“Ich will nicht so lange warten. Ich brauche dich –

jetzt, verstehst du? Ich brauche dich ganz dringend. Wir werden es hier miteinander treiben, okay?”

“Aber …

Die weiteren Worte blieben ihm im Hals stecken, und bevor er sich versah, war sie bei ihm. Es kam ihm vor, als hätte ihn eine Tigerin angesprungen, und alles, was folgte, erinnerte ebenfalls an ein Raubtier.

Kaum hatte sie ihn erreicht, rammte sie ihm das Knie genau zwischen die Beine. Er riss den Mund auf, um zu schreien. Es klappte nicht. Es wurde nur ein Ächzen daraus, während die Schmerzwellen durch seinen Körper bis in den Kopf jagten und ihm die Tränen in die Augen trieben.

 

Er wurde zur Seite geschleudert, auf das Häuschen der Wartestelle zu, dann erhielt er einen weiteren Stoß und landete auf der Sitzbank. Die Frau mit dem offenen Mantel packte ihn erneut, hielt ihn fest, damit er nicht zu Boden rutschte.

Genau in diese Lage hatte sie ihn bringen wollen. Sie hielt ihn mit hartem Griff, während Mike Rymer nicht wusste, wie ihm geschah. Es war einfach nur schlimm und schrecklich, was er durchmachte. Sein Unterleib schien in Flammen zu stehen. In seinem Kopf gab es keinen klaren Gedanken mehr. Die Welt war aus den Fugen geraten.

 

Rymer hörte sie knurren. Ein Laut, der auch von einem Tier hätte stammen können. Zwei Hände packten erneut zu und rissen seinen Kopf zur rechten Seite.

Er hielt die Augen weit offen, ohne wirklich etwas zu sehen. Er konnte nur Geräusche vernehmen, und was da an seine Ohren drang, gefiel ihm nicht. Das war alles viel zu fremd.

Er kam sich in diesen fürchterlichen Sekunden nicht mehr wie ein Mensch vor. Er war zu einem Gegenstand geworden, mit dem man machen konnte, was man wollte.

 

Dann konnte er wieder etwas besser sehen, und er schaute direkt in ihr Gesicht, das dicht über dem seinen schwebte.

Es war ebenmäßig geschnitten und wurde von einer schwarzen wilden Haarflut umrahmt. Sein Blick saugte sich förmlich an ihrem Mund fest. Die Lippen waren so rot geschminkt, dass ihn der Mund an eine klaffende Wunde erinnerte.

Aber nicht darüber erschrak er, sondern über die spitzen Eckzähne, die in dieser roten Wunde elfenbeinfarben aufblitzten.

 

Vampir!

Dieser eine Begriff raste durch seinen Kopf. Die Frau war kein normaler Mensch, wenn überhaupt. Sie war eine Blutsaugerin. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ernährte sich vom Blut der Menschen.

Und nun wollte sie an seines heran!

Ihre Eckzähne wirkten wie kleine Dolche und waren so spitz, dass sie sich mit Leichtigkeit in sein Fleisch bohren konnten.

“Ich allein bestimme, wie die Party läuft“, knurrte sie, „

und kein anderer, mein Freund!”

“Bitte, ich …

 

Sie schlug ihm ins Gesicht, so hart, dass ihm Blut aus den Nasenlöchern floss, was die Frau mit einem wohligen Laut quittierte; es erinnerte an das Gurren einer Taube.

Das Gesicht ruckte tiefer. Die Zunge fuhr zwischen den Lippen hervor, und die Wiedergängerin schleckte ihm das Blut aus dem Gesicht. Es war widerlich, ekelerregend!

 

Mike Rymer wunderte sich darüber, dass er trotz seiner schlimmen Lage und der Schmerzen noch denken konnte, und unternahm einen letzten Versuch, sein Leben zu retten. Er wollte sie von sich stemmen. Aber es war nicht zu schaffen. Die Frau klammerte sich an ihm fest und lachte vor bösartiger Freude.

 

“Bald ist es vorbei”, flüsterte sie. “Bald bist du erlöst. Es ist das letzte Mal, dass du Schmerzen spürst.”

Er hatte keine Kraft mehr, konnte sich nicht mehr wehren und sah nur noch den Mund, der so weit aufgerissen war, dass er die grauenvollen Blutzähne in aller Deutlichkeit sehen konnte.

Ihr Kopf näherte sich seinem Hals.

Dann biss sie zu!

Er spürte, wie die Zähne in sein Fleisch eindrangen, und sie erwischten genau die richtige Stelle, rissen die Halsschlagader auf.

Die Vampirin hatte Routine, sie ließ sein Blut sprudeln und fing es in ihrem Mund auf, um es zu schlucken, wobei sie schlürfende Laute von sich gab.

Da trank kein Mensch, sondern ein Tier. Sie war wie irre, wie kurz vor dem Verdursten, und sie trank voller Gier, um endlich satt zu werden.

Als sie danach ihren Kopf und Oberkörper wieder anhob, schienen sich die roten Lippen um das Doppelte vergrößert zu haben –

eine Täuschung, weil die untere Gesichtshälfte blutverschmiert war.

Dann schaute sie nach unten.

Auf der schmalen Sitzbank lag eine fahle Leiche. Ihr Kopf war ungewöhnlich verrenkt, und in den Augen war kein Leben mehr auszumachen.

Wenige Minuten zuvor war Mike Rymer noch ein Mensch gewesen, nun erinnerte er nur noch an eine Puppe, die sich aus eigener Kraft nicht mehr bewegen konnte.

So gut wie möglich wischte sich die Vampirin Kinn und Mund sauber. Das Blut klebte daraufhin auf ihrem Handrücken, den sie ableckte. Erst als nichts mehr zu sehen war, gab sie sich zufrieden.

Sie erhob sich mit einer stolz anmutenden Bewegung und schaute erneut auf den Leblosen nieder, wie eine Königin auf ihren Leibeigenen.

Doch sie wollte ihr Opfer nicht auf der Wartebank liegen lassen. Mit einer Hand hob sie es lässig in die Höhe und bewies damit, welch eine Kraft in ihr steckte.

Bevor sie das Wartehaus verließ, warf sie einen Blick in beide Richtungen. Die Luft war rein. Niemand sah zu, wie sie ihr Opfer aus dem Wartehäuschen zerrte und es sich dann mit einer lässigen Bewegung über die Schulter warf.

Schnell verschwand sie mit ihrem Opfer im nahen Park, um dort ein gutes Versteck für die Leiche zu finden. Dort musste es dunkel sein. Es würde seine Zeit dauern, bis er ebenfalls zu einer Kreatur der Nacht geworden war.

Erst in der folgenden Nacht würde er wieder erwachen …