Das Orakel von Margyle

von Deborah Hale

orakel_margyle

Maura Woodbury glaubt ihre Pflicht erfüllt: Sie hat den schlafenden König erweckt, der ausersehen ist, das Land von der Besetzung der Han zu befreien. Aber die eigentliche Aufgabe liegt noch vor ihr: Rath, der einstige Gesetzlose, besitzt keine Magie – und somit auch keine Kraft, die Eindringlinge aus dem Königreich zu vertreiben. Gemeinsam machen sie sich auf die gefährliche Reise zum Orakel von Margyle. Dort erfährt Maura, dass sie ausersehen ist, sich alleine auf die Suche nach dem magischen Schwert zu machen. Es erfüllt dem König einen Wunsch und ist die einzige Möglichkeit, den Krieg gegen die Han zu gewinnen. Für Rath hat das Orakel hingegen eine beunruhigende Nachricht. Wird er Maura je wieder sehen, wenn er sie alleine ziehen lässt?

Leseprobe:

Während sie sich über die schmalen Steinstufen neben dem Wasserfall ihren Weg nach unten suchten, versuchte Rath die Erinnerung zu verdrängen, die Mauras Worte in ihm geweckt hatten. Die Erinnerung an jenen Tag im Wald von Betchwood, als es ihm nicht gelungen war, seine Gruppe von Gesetzlosen lange genug beisammen zu halten.
Er sagte sich, dass er damals alles Menschenmögliche getan hatte, doch seine Männer hatten nur an sich gedacht und nur für sich gehandelt. Als einige von ihnen panisch davonliefen, war das den anderen zum Verhängnis geworden. Seitdem zog er es vor, allein zu bleiben. Auf sich konnte er immer zählen. Aber genauso wenig wie ein Regentropfen einen Buschbrand löschen konnte, konnte ein einzelner Mann die hanische Armee schlagen, die Umbria besetzte.
Am Ende der Felsentreppe entdeckte er einen ausgehöhlten Stein, in dessen Mulde sich Wasser angesammelt hatte. “Können wir wenigstens einen Moment stehen bleiben, um etwas zu trinken?”, fragte er Maura.
Sie nickte und beugte sich vor, um Wasser in die hohle Hand zu schöpfen. “Ein weiser Gesetzloser lehrte mich einst, dass ich immer essen, trinken und ausruhen soll, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Sonst würde ich riskieren, gerade dann hungrig, durstig und müde zu sein, wenn ich es mir überhaupt nicht erlauben kann.”
Trotz all der Sorgen, die ihn bedrückten, merkte Rath, dass sich seine Lippen zu einem ironischen Grinsen verzogen. “Wenn du wissen willst, wie man überlebt, frag am Besten einen Gesetzlosen.”
Mauras lachte hell auf. “Das werde ich, Gesetzloser.”
Als sie das Wasser aus ihrer Hand schlürfte, beugte auch Rath sich vor, um zu trinken. Noch nie hatte er so etwas geschmeckt! Wenn Mauras Lebenslust einen Geschmack gehabt hätte, hätte sie so schmecken müssen – sauber und gesund, mit einem wilden, lebendigen Aroma, das mehr als nur den Durst löschte. Zumindest für den Moment schien das Wasser seine bösen Vorahnungen und seine Zweifel zu beruhigen und durch aufkeimende Hoffnung und zaghaftes Vertrauen zu ersetzen.
“Das ist besser als Bier!” Er trank bis er nicht mehr konnte. Dann füllte er seinen Trinkschlauch und riet Maura, dasselbe zu tun. “Glaubst du, wir haben genügend Zeit für eine kleine Wäsche, bevor wir uns auf den Weg nach Duskport machen?”, fragte er und zeigte mit den Daumen auf den Wasserfall und das kleine Becken zu seinen Füßen.
“Die Botschaft lautet: ‘Kommt sofort’”, erinnerte ihn Maura. “Und außerdem fürchte ich, je länger wir herumtrödeln, desto schwerer wird es uns fallen, aufzubrechen. Wer weiß, vielleicht sind wir schon länger hier, als wir denken. Hast du mir nicht erzählt, die Leute behaupteten, im Ewigen Wald verginge die Zeit langsamer und was einem wie einige Stunden vorkomme, könnten in der Welt draußen Monate oder Jahre sein?”
“Aye.” Rath zwang sich, dem einladenden Becken den Rücken zuzukehren und ging auf eine riesige Lebenskiefer zu, die in einiger Entfernung stand. “Solche Geschichten habe ich immer für fantastischen Unsinn gehalten. Jetzt, nachdem ich hier war, bin ich mir da allerdings nicht mehr so sicher.”
“Wie schade, dass es nicht umgekehrt ist.” Maura beeilte sich, ihn einzuholen. “Dann hätten wir hier ewig herumtrödeln können, und draußen wären nur ein oder zwei Stunden vergangen.”
“Das wäre wirklich schön gewesen.” Rath griff nach ihrer Hand.
Zusammen folgten sie dem Weg, den sechs große Lebenskiefern ihnen zeigten, bis sie zu dem Pfad gelangten, den sie in der Nacht zuvor gegangen waren. Ab und zu blieb Maura stehen und pflückte Blüten und Blätter einiger ungewöhnlicher Pflanzen.
“Vielleicht kann mir einer der vestanischen Zauberer sagen, welche magischen oder auch heilenden Eigenschaften sie möglicherweise besitzen.” Sie stopfte einen Busch winziger roter, glockenförmiger Blümchen in eine der vielen Taschen des Schultergurts, den sie über ihrer Tunika trug.
Auch Rath fragte sich, was diese unschuldig aussehenden kleinen Blüten wohl bewirken mochten – ihm den Mund verschließen oder ihn in eine tödliche Ohnmacht stürzen? Seit er auf Maura getroffen war, kannte er den Unterschied zwischen dem sanften Zauber, den sie mit Hilfe von Pflanzen- und Tiermaterial praktizierte und dem mörderischen Todeszauber der Echtroi mit ihren metallenen, mit Edelsteinen geschmückten Zauberstäben. Aber auch wenn er mittlerweile die Kraft ihrer Lebensmagie zu respektieren gelernt hatte, fiel es ihm immer noch nicht leicht, daran zu glauben.
Als er einen moosbedeckten Felsen entdeckte, der ihm bekannt vorkam, winkte er Maura vom Pfad fort. Insgeheim fragte er sich aber doch, wo der Weg sie wohl hingeführt hätte, wenn sie ihm weiter gefolgt wären.
“Und was kommt als Nächstes?” fragte Maura.
“Ein Bach, oder?” Rath blickte sich um und spitzte die Ohren nach dem Geräusch von fließendem Wasser. “Warum siehst du sicherheitshalber nicht auf deiner Karte nach?”
“Ich dachte, die hättest du?”
Rath schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich, sie vergangene Nacht zuletzt gesehen zu haben, nachdem er und Maura die Felsentreppe neben dem Wasserfall hinaufgeklettert waren. Die Erscheinung des mächtigen Lohwolfs, der sie dann auf der letzten Strecke ihres Weges führte, hatte allerdings jeden Gedanken an die Karte aus seiner Erinnerung gelöscht.
Maura tastete die Beutel ihres Schultergurts ab und durchsuchte dann auch noch die verborgene Tasche im Saum ihres Rocks. “Wir müssen sie auf der Geheimen Lichtung zurückgelassen haben.”
Rath zuckte die Achseln. “Vielleicht ist es am Besten so. Ich denke, wir beide wären in der Lage, diesen Ort wieder zu finden. Ich möchte nur nicht, dass die Karte in falsche Hände gerät.”
Nicht, dass die Han dort irgendetwas Wertvolles würden finden können. Doch allein der Gedanke, sie könnten auch noch in Umbrias letztes Heiligtum eindringen, brachte sein Blut zum Kochen und ließ seine Schwerthand jucken.
“Wohl wahr”, sagte Maura. “Und du hattest Recht, was den Bach betrifft. Ich höre ihn aus dieser Richtung.”
Der Bach führte sie zurück zu einer schmalen Schneise, gerade noch innerhalb der Grenzen des Ewigen Waldes, wo sie am Abend zuvor ihre Pferde zurückgelassen hatten. So vieles hatte sich seitdem verändert. Rath schien es ewig her zu sein, dass er und Maura den uralten Wald betreten hatten.
“Unsere Pferde sind noch da.” Er klopfte seinem Pferd liebevoll den Hals. “Und ihre Mähnen sind auch nicht grauer geworden, seitdem wir sie verlassen haben. Ich halte das für ein gutes Zeichen, dass der Ewige Wald unser Zeitgefühl nicht verändert hat.”
“Außer, die Pferde waren auch von dem Zauber gefangen.” Maura lachte leise, um zu zeigen, dass sie nur scherzte. Doch dann wurde sie schnell wieder ernst. “Ich hoffe, unsere Zeit ist nicht aus den Fugen geraten. Ich möchte nicht, dass unsere Freunde, die uns geholfen haben, überhaupt hierher zu gelangen, am Ende vergebens auf unserer Rückkehr warten.”
Rath nickte. Er dachte an die Bergleute, die er zur Revolte geführt hatte, an die sich abrackernde Bauersfamilie aus dem Süden und auch an den Bettlerjungen, der ihn an sich selbst vor vielen Jahren erinnert hatte. Was sie alle wohl denken würden, wenn sie erfuhren, dass er selbst der Wartende König war?
Halb in Gedanken nahm er etwas Proviant aus den Satteltaschen. “Wenn wir vorsichtig sind, wird der Vorrat wohl bis Duskport ausreichen. Ich hoffe nur, dieser Captain Gull verlangt keinen zu hohen Preis, um uns zu den Inseln zu bringen.”
Er hatte schon von den Schmugglern gehört, die eine lose Verbindung zwischen dem winzigen, noch freien Teil Umbrias und dem Rest des Landes aufrechterhielten – hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich Geschichten über immenses Lösegeld, das sie für den Transport menschlicher Fracht verlangten. Es ging das Gerücht, viele Fahrgäste würden den teuer bezahlten Bestimmungsort niemals erreichen. Rath gefiel es überhaupt nicht, sein und Mauras Schicksal in die Hände solcher Männer zu legen.

Sie verloren keine Zeit, aßen nur schweigend ihr Brot und ihren Käse. Jetzt, wo Maura Rath dazu gebracht hatte, sein Schicksal zu akzeptieren, wollte sie nicht länger im Ewigen Wald verweilen. Sie hatte Angst, er könnte vielleicht seine Meinung ändern – oder sie ihre. Nachdem sie ihr Frühstück mit ein paar Schlucken von dem köstlichen Wasser des Wasserfalls hinunter gespült hatten, half Rath Maura auf ihr Pferd, und sie machten sich auf den Weg zur Küste.
Nichts in der Landschaft jenseits des Ewigen Waldes gab ihnen Aufschluss darüber, wie viel Zeit im Rest der Welt vergangen war, während sie sich in dem verzauberten Wald aufgehalten hatten. Es war auf jeden Fall Mittsommer, doch ob es sich auch um dasselbe Jahr handelte, konnte Maura nicht sagen. Aber aus irgendeinem Grund glaubte sie, dass sie sich nach wie vor in ihrer eigenen Zeit befand.
Wann immer sie zu Rath blickte, schien er in Gedanken versunken. Obwohl sie wusste, dass zwei Pferde sie schneller und leichter davontrugen, sehnte sie sich danach, wieder hinter ihm zu sitzen, wie damals auf dem Ritt durch das Lange Tal – ihm Geschichten aus Umbrias Vergangenheit zu erzählen, manchmal einzuschlafen, seinen Gürtel fest umklammert und den Kopf an seinen Rücken gelehnt.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie einen kleinen Fluss erreichten.
“Wenn wir ihm folgen, wird er uns nach Duskport führen.” Rath zügelte sein Pferd. “Lass uns hier ein wenig rasten, damit die Pferde sich ausruhen können.”
Als er Maura aus dem Sattel half und sie vom Rücken des Pferdes glitt, schmiegte sie sich an ihn. Und selbst als sie schon festen Boden unter den Füßen hatte, löste sie die Arme nicht von seinem Nacken. Als sie das Gesicht zu ihm hob, nahm Rath ihree Einladung an. Doch für Mauras Geschmack war sein Kuss viel zu kurz.
“Das hier ist nicht der Ewige Wald.” Seine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage schloss mit einem bedauernden Seufzer. “Wir können nicht riskieren, von den Han oder wer sonst noch hier herumschleicht, überrascht zu werden.”
Maura gab sich Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Schließlich bewies Rath mit dieser besorgten Wachsamkeit doch nur, wie sehr er sie liebte.
“Darf ich wenigstens deine Hand halten?” Sie versuchte, ihm ein Lächeln zu entlocken. “Und dicht bei dir stehen? Oder würde dich das beim Wachestehen stören?”
Die steile Furche zwischen seinen Brauen verschwand. Er strich ihr mit dem Handrücken übers Haar. “Beides wird mich mehr ablenken als ich es mir leisten kann. Aber ich werde mein Bestes tun, es zu ertragen.”
Maura lachte. “Deine Großzügigkeit macht mich glücklich.”
“Sehr gut.” Rath machte eine betont ernste Miene, doch seine Wange zuckte ein wenig vor Anstrengung, nicht zu lachen. “Nutze sie nicht zu sehr aus.”
“Wie weit ist es von hier bis Duskport?” Maura zwängte sich unter Raths Arm, so dass ihm keine andere Wahl blieb, als sie an sich zu ziehen. Er blickte flussabwärts. “Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal diese Reise gemacht habe. Nachdem meine Großmutter starb, war ich dumm genug zu glauben, ich könnte mir auf anständige Art meinen Lebensunterhalt verdienen, indem ich auf einem Fischerboot anheuerte.”
“Und?” Eigentlich brauchte Maura nicht zu fragen. Wenn es ihm vor Jahren gelungen wäre, nach dem Tod seiner Pflegemutter eine anständige Arbeit zu finden, hätte sie ihn wohl nie an jenem Tag im Wald von Betchwood getroffen.
Rath verzog verächtlich die Lippen. “Ich war froh, als ich ohne zerschnittene Kehle und mit ein paar anderen heil gebliebenen Körperteilen entfliehen konnte. Ich weiß, dass die Han Lügenmärchen erzählen, um dem einfachen Volk vor Gesetzlosen, Zauberern und Schmugglern Angst zu machen. Doch das Gerede über die Fischer von Duskport, die angeblich Menschenfleisch als Köder benutzen, das glaube ich sofort. Damals schwor ich, nie wieder zurückgehen.”
Maura schauderte. Es war zwecklos, sich zu wünschen, Rath hätte ihr davon erzählt, bevor sie ihn gedrängt hatte, sie nach Duskport zu bringen. Es hätte sie nicht aufgehalten … zumindest hätte es sie nicht aufhalten dürfen.
“Und jetzt kehre ich doch zurück”, murmelte Rath und drückte die Wange an ihren Kopf. “Andererseits habe ich eine Menge Dinge getan, die ich nie für möglich gehalten hätte, jedenfalls bevor ich dich getroffen habe, meine Zauberin. Bist du sicher, dass du mich nicht verhext hast?”
“Und wenn, dann wäre das nur der gerechte Ausgleich dafür, dass du mir mein Herz gestohlen hast, Gesetzloser! Sagst du mir jetzt, wie weit es noch bis Duskport ist? Ein Tagesritt? Ein Wochenritt?”
“Wenn wir unser heutiges Tempo beibehalten können, dürften wir in zwei, drei Tagen die Küste erreichen, denke ich.”
Wie es sich herausstellte, dauerte der Ritt nach Duskport ganze drei Tage, weil Rath nicht das Risiko eingehen wollte, im offenen Gelände einer Patrouille der Han zu begegnen.
“Wie könnte dein Hundertblütenzauber uns in einer Menge verschwinden lassen, wenn hier meilenweit keine anderen Umbrianer zu sehen sind?”, fragte er, während er im weiten Bogen um eine Furt herumritt, von der er vermutete, dass sie bewacht wurde.
Sie kamen an einigen verstreut liegenden Bauernhöfen und zwei kleinen Dörfern vorbei. Doch Rath bestand darauf, unter freiem Himmel zu übernachten. “Es ist warm genug, um draußen zu schlafen, und unser Proviant reicht aus, bis wir die Küste erreichen. Ich möchte keine unnötige Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Außerdem, falls doch irgendein Widerling unserer Spur folgen sollte, wird ihm niemand etwas über uns erzählen können.”
“Nun, hier ist es”, sagte er schließlich, als sie auf dem höchsten Punkt einer kleinen Steigung angekommen waren.
“Hier ist was?” Maura spähte den weiten Hang hinunter bis zu einer dicken, dunklen Nebelbank. Wenn sie sich anstrengte, glaubte sie in dem Dunst eine Anzahl dicht gedrängter Dachfirste erkennen zu können.
“Duskport. Das restliche Jahr über ist es hier viel wärmer als in anderen Städten des hohen Nordens. Doch im Sommer wird alles von dieser grauen Nebelsuppe überrollt. Kennst du nicht das Sprichwort ‘Besser ein Winter in Bagno als ein Sommer in Duskport?”
“Es ist also kalt, nicht wahr?”
“Aye”. Rath gab seinem Pferd einen kleinen Stoß mit den Fersen und Maura und er hielten auf den Nebel zu. “Das ist die Art von Nebel, die sich nach einer Weile so richtig in deinen Knochen festsetzt. Aber die Schmuggler und Taschendiebe mögen ihn, weil er ihre Taten verbirgt … oder sie verbirgt, falls sie sich verstecken müssen. Was immer du tust, bleib dicht bei mir. Und vielleicht nimmst du ein klein wenig von dem Zeug aus dem Schultergurt da, damit du es zur Hand hast, falls wir Ärger bekommen.”
Maura fühlte einen Kloß im Hals. Aber sie schluckte ihn tapfer hinunter und lenkte ihr Pferd so nahe an das von Rath heran wie sie es wagen konnte, ohne dass sich die Hufe der Tiere trafen und ihre Reiter Gefahr liefen, abgeworfen zu werden. Nachdem sie die Vorzüge einiger Zaubermittel, die sie in ihrem Schultergurt mit sich führte, gegeneinander abgewogen hatte, entschied sie sich für eine gute Portion Irrsinnsfarn, den sie in der Faust bereit hielt.
Der Allgeber segne die Twariths aus Westborne, die Mauras leere Taschen ihres Gurts wieder gefüllt hatten! Zu schade nur, dass sie keine Sturmvogelfedern mehr vorrätig gehabt hatten. Dort, wo sie und Rath jetzt hingingen, wäre es wahrscheinlich sehr nützlich, beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten einfach verschwinden zu können. Doch wie die Umstände nun einmal waren, musste sie sich damit zufrieden geben, die Feinde nur zu verwirren, die ihnen über den Weg liefen. Wenn der Irrsinnsfarn noch frisch war hatte der Zauber eine sehr starke Wirkung und konnte eine ziemlich große Menge von Leuten ganz schön durcheinander bringen.
Als sie den Stadtrand erreicht hatten, machte Rath Maura ein Zeichen, aus dem Sattel zu steigen und das Pferd zu führen. “So lenken wir weniger die Aufmerksamkeit auf uns. Außerdem sind die meisten Straßen eng und verwinkelt – zu Fuß kommt man leichter voran.”
Sie trafen auf nur eine Hanpatrouille – drei Soldaten mit einem Hund, die wachsam die Blicke umherschweifen ließen, gerade so, als befürchteten sie jeden Augenblick einen Hinterhalt. Dank des Hundertblütenzaubers, den Maura über sie beide gelegt hatte, nahmen die Soldaten trotz ihrer erhöhten Wachsamkeit keine Notiz von ihnen. Nur der Hund schien sie zu bemerken und zerrte an seiner kurzen Kette und knurrte drohend in ihre Richtung.
Als die Patrouille an ihnen vorbei gezogen war, war Maura erleichtert – aber nicht lange. Die nächste Zeit verbrachten sie und Rath damit, sich einigen der weniger bedrohlich wirkenden Einwohner von Duskport zu nähern. Jedem flüsterte Maura einen Satz auf Altumbrisch zu, den die Anhänger des Allgebers verstehen und auf den sie antworten konnten.
Doch die Leute, die sie ansprach, schenkten ihr nur ängstlich erstaunte Blicke und eilten ihres Weges.
“Das bringt nichts”, murmelte Rath schließlich. “Wir sollten die Pferde in dem Stall lassen, an dem wir auf dem Weg in die Stadt vorbeigekommen sind. Er sah halbwegs anständig aus – als würden sie die Tiere nicht an jemand anderen verkaufen, kaum dass wir aus der Tür sind.”
So gingen sie zu dem Stall zurück und verirrten sich dabei fast im kalten Nebel. Als sie den Besitzer fragten, ob sie die Pferde bei ihm lassen könnten, warf er ihnen einen misstrauischen Blick zu. Das Misstrauen machte einem anderen Ausdruck Platz, als Rath ihn fragte:” Gibt es hier in der Nähe eine Gaststätte, wo die Fischer hingehen?” Er warf einen Blick über die Schulter und senkte die Stimme. “Eine, in der die Patrouillen nicht zu oft vorbeischauen?”
Auch der Stallbesitzer blickte sich rasch um, bevor er antwortete. “Ihr meint Zum Affen unten am Kai? Dort werdet Ihr eine Menge Seeleute finden, was Ihr allerdings schnell bereuen werdet, falls Ihr meine Meinung hören wollt.”
Maura verstand den Mann besser, als er ahnen konnte. Diese Seeleute ähnelten vermutlich den Männern, von denen sie in Aldwood gefangen gehalten worden war. Warum nur hatten die Zauberer von Vestan ihr aufgetragen, einen solchen Mann aufzusuchen?
“Zum Affen ist das Richtige für uns.” Rath packte Maura am Handgelenk, zog sie in den kalten, nach verdorbenem Fisch riechenden Nebel hinaus und dirigierte sie durch einen Irrgarten verwinkelter Straßen und Gassen. Dass der Nebel immer undurchdringlicher wurde und der Fischgestank zunahm, bis Maura zu ersticken glaubte, war der einzige Hinweis darauf, dass sie sich dem Wasser näherten. Sie bemühte sich angestrengt, auf etwas anderes als ihren rebellierenden Magen zu achten, und hörte, wie Wellen rhythmisch gegen Holz schlugen.
“Das scheint es zu sein.” Rath deutete auf ein im Nebel kaum sichtbares Wirtshausschild. Darauf war ein Tier zu sehen, das vage einem tolinesischen Affen ähnelte. Aus dem Innern des Hauses drangen raues Lachen, wütende Schreie und das Klirren von zerbrechendem Glas.
Als Rath die Tür aufstieß und dabei Maura hinter seinen Rücken schob, hörte sie ihn flüstern: “Möge der Allgeber über uns wachen … falls er durch diesen Nebel schauen kann.”
Der Schankraum erinnerte Maura ein wenig an die Taverne in Westborne, in der sie bei den geheimen Anhängern des Allgebers, die sich selbst Twarith nannten, Hilfe gesucht hatte. Der Geruch nach Schnaps überlagerte den allgegenwärtigen fauligen Fischgestank. Aber das half ihrem Magen auch nicht. Irgendwo auf der anderen Seite dieses lauten, überfüllten Raumes quälte jemand ein Instrument, das Maura noch nie gehört hatte. Die meisten Gäste dieser Schänke saßen auf niedrigen Holzbänken an langen, schmalen Tischen standen. Dort schütteten sie aus Tonbechern irgendein Getränk in sich hinein und stritten oder lachten brüllend mit ihren Nachbarn.
Dass sie kein Comtung sprachen, nahm Maura ein wenig die Angst. Comtung war die Sprache, in der ihr Volk sich normalerweise mit den hanischen Eroberern verständigte. Hier aber sprachen die Leute das landesübliche Umbrisch, wenn auch mit einem seltsamen Akzent, der Maura völlig unbekannt war.
Es wurde keineswegs leiser, als Rath sich jetzt einen Weg durch die Menge bahnte und Maura dabei hinter sich her zog. Keiner würdigte sie eines Blickes. Selbst die, mit denen sie auf ihrem Weg zum Tresen zusammenstießen, schienen durch sie hindurch zu sehen. Trotzdem kribbelte Mauras Haut zwischen den Schulterblättern, als würden viele neugierige, feindliche Blicke ihren Rücken treffen.
Als Rath endlich den Tresen erreicht hatte, versuchte er eine Zeit lang vergebens sich dem Mann, der die Getränke ausschenkte, bemerkbar zu machen. Am Ende mit seiner Geduld, stürzte er sich schließlich nach vorne, packte den Mann am Hemd und riss ihn vom Boden hoch, bis sich ihre Nasen auf gleicher Höhe befanden.
Nachdem er so die Aufmerksamkeit des Kerls gewonnen hatte, sprach Rath mit ruhiger, höflicher Stimme, die im völligen Gegensatz zu seinem Benehmen und auch zur Umgebung stand: “Ich suche einen gewissen Captain Gull, wenn es Euch genehm ist.”
Maura rechnete damit, dass das Stimmengwirr einer erwartungsvollen Stille weichen würde, das Kribbeln zwischen ihren Schulterblättern wurde zwar tatsächlich stärker, doch der Lärm nahm nicht ab. Der Schankwirt antwortete nicht, nur sein Gesicht wurde rot und röter. Sein Blick flog zu einem großen Mann, der neben Rath stand. Dessen kahl geschorener Schädel trug eine Tätowierung, die aussah wie eine Landkarte.
Der große Mann beugte sich zu Rath. Maura wunderte sich über den freundlichen Ton, in dem er fragte: “Ihr möchtet also gerne Gull sehen, Landratte? Ich kann Euch zu ihm bringen.”
“Wann?” Rath lockerte den Griff am Kragen des Schankwirts und stellte ihn wieder auf die Füße.
Der Mann mit dem tätowierten Kopf zuckte die Achseln. “Sobald Ihr wollt, Landratte. Jetzt?”
“Jetzt.” Rath ließ den Schankwirt los.
“Dann folgt mir”, meinte der Mann, noch immer liebenswürdig.
Noch vor ein, zwei Monaten hätte Maura sein entgegenkommendes Benehmen beruhigt. Inzwischen aber hatte Raths Misstrauen auf sie abgefärbt. Der große Bursche drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Alle wichen vor ihm zurück. Mit Maura und Rath auf den Fersen lief er quer durch den Raum. Beim Näherkommen konnte Maura erkennen, dass sich in einer dunklen Ecke ein kleiner Alkoven war. Der Mann zog einen Vorhang zurück. Dahinter kam eine Tür zum Vorschein. Er öffnete sie und trat ein.
Maura umklammerte Raths Hand fester. Er warf ihr mit hoch gezogenen Brauen einen Blick zu als wollte er fragen, ob sie denn eine andere Wahl hätten.     “Zumindest wissen wir jetzt, dass es einen Captain Gull gibt”, meinte er und drückte beruhigend ihre Hand. “Du hast doch nicht schon den Glauben an deine Bestimmung verloren?”
“Unsere Bestimmung”, berichtigte ihn Maura und gab sich alle Mühe, zuversichtlicher zu klingen als sie sich fühlte. “Geh nur voran.”
Sie griff nach hinten, um die Tür zu schließen – was mit der Faust voll Irrsinnsfarn keine ganz leichte Aufgabe war. Ein Blick zurück zeigte, dass es nicht nötig war, nachdem einige Leute sich hinter ihnen in den engen Gang drängten, die flackernden Kerzen der Taverne beleuchteten ihre unheimlichen Gestalten von hinten.
Raths fester Griff verriet die Anspannung, unter der er stand. Sie schienen sich eine ziemlich lange Zeit durch den engen, düsteren Gang zu tasten. Mehrere Male bog er um eine Ecke und schließlich wusste Maura nicht mehr, in welche Richtung sie gingen. Würden sie irgendwo hinter der Taverne auftauchen oder unten, auf der Straße?
Plötzlich sahen sie ein Licht. Rath stolperte, im nächsten Augenblick blieb auch Mauras Fuß an einer Türschwelle hängen. Während sie ins Licht blinzelte, merkte sie, wie Rath ihre Hand losließ. Bevor sie ihre andere Hand öffnen und eine Wolke von Irrsinnsfarn in die Luft werfen konnte, schrie Rath: “Nein!”
“Falls Ihr es noch bemerkt haben solltet, Landratte”, grinste ihr tätowierter Führer, “Ihr seid hier nicht in der Position, Befehle zu geben.”
Maura wusste, dass Rath sie gemeint hatte – aber das spielte keine Rolle mehr. Denn im selben Moment packte jemand ihre Hände und band sie ihr auf dem Rücken zusammen. Sie konzentrierte sich darauf, die Faust fest geschlossen zu halten, bis sich eine bessere Gelegenheit finden würde, ihn zu benutzen.
“Na so was! Wen haben wir denn da?”, fragte eine Stimme.
Maura betrachtete den Mann, der sich von seinem Stuhl erhob. Er war schlank, etwas kleiner als sie und trug schwarze Kniehosen und Lederstiefel. Sein Hemd von der Farbe dunklen Blutes bauschte sich über seinen Armen und dem Oberkörper. Ein langer Streifen des gleichen Stoffs war um seinen Kopf gewunden und bedeckte sein Haar bis auf einen langen, schwarzen fedrigen Haarbusch, der oben aus dem Stoff herausragte – eine Verhöhnung der Han, die ihr helles Haar oben durch die Helme zogen.
Einen Moment lang glaubte Maura, er trüge einen Pelzkragen um seine Schultern. Doch dann hob der Kragen den Kopf, starrte sie an und fauchte. Erschrocken zuckte sie zurück. Es war eine langbeinige Bergkatze mit glänzendem braunem Fell.
“Benimm dich, Abri.” Der Mann hob eine Hand um das Tier zu streicheln. Er trug eng anliegende Lederhandschuhe, die die Finger frei ließen. Nur vier Finger, der kleinste an jeder Hand fehlte.
“Diese Landratte kommt hierher”, sagte der Tätowierte, “und hat ein Mädchen dabei, das viel zu schön für einen wie ihn ist. Sagt, er will Captain Gull sehen.”
“Wirklich?” Der kleine Mann schlenderte auf Maura zu. Als er die Hand hob, zuckte sie zurück. Doch er griff ihr nur ans Kinn und zwang sie durch leichten Druck seiner Finger, den Kopf zur Seite zu drehen.
“Sagt mir, Landratte, ist das alles, was Ihr wollt – mich sehen?” Er ließ Maura los und stellte sich in Positur. “Jetzt habt Ihr mich gesehen.” Er starrte den tätowierten Mann an, und mit der gleichen Stimme, mit der er gebeten hätte, sie wieder hinaus zu begleiten, befahl er: “Töte sie.”
“Wir wollten mehr als Euch nur sehen!” Rath warf Maura aus den Augenwinkeln einen Blick zu, der wohl meinte: “Mach dich bereit!”
Sie erwiderte kurz seinen Blick und hoffte, dass er verstand, was er bedeutete: “Das geht jetzt nicht!”
Oh, sie konnte sehr wohl den Zauberspruch murmeln und den Irrsinnsfarn fallen lassen. Vielleicht ihn sogar in die Luft werfen. Aber in diesem kleinen, vollen Raum war es gut möglich, dass sie und Rath genauso dem Irrsinnszauber erlagen wie alle anderen.
“Man sagt, Ihr könnt uns zu den Vestanischen Inseln bringen”, erklärte Rath. “Könnt Ihr? Wollt Ihr? Für uns ist es von größter Wichtigkeit, dorthin zu kommen.”
Captain Gull sah von Rath zu Maura und wieder zu Rath. Und während der ganzen Zeit streichelte er die Katze, die um seinen Nacken lag. “Ihr müsstet eigentlich wissen, dass es für jeden Umbrianer den Tod bedeutet, mehr als fünf Meilen vom Festland fortzusegeln. Meine Freunde und ich sind nur bescheidene Fischer.”
Maura konnte sich eine scharfe Erwiderung nicht verkneifen. “Ihr seht keinem Fischer ähnlich, von dem ich je gehört habe!”, konterte sie.
“Ha!” Captain Gull brach in ein Gelächter aus, das für seine schlanke Gestalt viel zu laut zu sein schien.
“Ein kühnes Weibsstück!”, meinte er zu der Katze. “Das gefällt mir.”
Die Katze sah zu Maura hin und fauchte wieder.
“Mmm, ich denke, du hast Recht, Abri.” Gull schüttelte den Kopf, ein Ausdruck tiefsten Bedauerns überschattete seine feinen Gesichtszüge. “Dies beiden da müssen hanische Spione sein.”
Er warf dem großen, tätowierten Mann einen Blick zu und änderte seinen vorherigen Befehl: “Töte sie langsam.”