Die Prophezeiung von Umbria
von Deborah Hale
Seit Menschengedenken herrscht im Reich Umbria das grausame Kriegervolk der Han. Die wenigen Rebellen, die beharrlich an das Gute glauben, müssen sich in den Wäldern verstecken. Die Stunde der Rettung ist erst gekommen, wenn eine junge Frau, durch die Vorsehung zur Königin bestimmt, den schlafenden König mit einem Kuss weckt und seine Gemahlin wird. Auch die Heilerin Maura kennt diese Prophezeiung. Doch dann erfährt sie zu ihrem Erstaunen, dass sie die Auserwählte ist. Zusammen mit dem Rebell Rath macht sie sich auf den gefahrvollen Weg. Aber mit jeder Meile wird ihr Herz schwerer. Denn von ihrer Liebe zum König hängt die Rettung ihres Volkes ab - diese Liebe gehört jedoch dem mutigen Mann an ihrer Seite …
Leseprobe:
Ihre Zeit ist gekommen.
Maura Woodbury hatte nur noch rasch diesen Satz lesen können, bevor sie zu einem verletzten Kind ins Dorf gerufen worden war.
Wessen Zeit war gemeint? Auf dem Weg nach Windleford, einem kleinen Ort im Süden Umbrias, war ihr diese Frage nicht aus dem Kopf gegangen. Aber vielleicht hatte sie den Text ja auch nicht richtig gelesen oder Langbards besorgte Blicke missverstanden.
Entschlossen begann sie jetzt, die Hand des kleinen Jungen zu untersuchen.
“Hier habe ich etwas, das bestimmt hilft. Gleich wirst du keine Schmerzen mehr haben”, sagte sie laut, um den schluchzenden Kleinen zu beruhigen.
Aus einem irdenen Töpfchen, das sie in ihrem Korb mitgebracht hatte, nahm sie einen dicken Klacks grüner Salbe. Vorsichtig bestrich sie damit die blasenbedeckte kleine Hand. Augenblicklich erfüllte der angenehm scharfe Geruch von frisch zerdrücktem Wasserdorn und Marschkraut den Raum.
Misstrauisch beobachtete die Mutter des Buben die junge Frau, während sie dabei verstohlen die Hände rang. Hatte sie nur Angst um ihren Sohn, oder fürchtete sie sich, weil das Mündel des Zauberers in ihrem Haus war?
Wenn sie nicht gerade krank oder verletzt waren, sprachen die Dorfbewohner nämlich kaum mit Maura oder ihrem Vormund. Langbard schien das jedoch nichts auszumachen. Den alten Zauberer hatte kaum jemals etwas aus der Ruhe bringen können … bis vor einer Stunde, als dieser Botenvogel die Nachricht gebracht hatte.
“Wie ist das eigentlich passiert?” fragte Maura den Jungen, der endlich zu weinen aufgehört hatte. “Hast du etwas Leckeres im Kochtopf deiner Mutter entdeckt und versucht, es herauszufischen?”
Doch wenn er sich nur verbrüht gehabt hätte, sähe seine Hand nicht so schlimm aus. Beleidigt zog der Kleine die Nase hoch. “So dumm bin ich doch nicht. Meine Freunde und ich haben gespielt, und da sah ich diesen komischen grauen Stecken. Als ich ihn aufgehoben habe, fing plötzlich meine Hand ganz fürchterlich zu brennen an, schlimmer als hundert Bienenstiche auf einmal!”
“Ein Schmerzstachel?” schrie Maura entsetzt. “Verdammt sollen sie sein, diese Soldaten! Wie können sie nur solche schrecklichen Dinge in der Gegend herumliegen lassen? Um eine Landbevölkerung wie uns in Schach zu halten, reichen normale Waffen doch völlig aus.”
Vor Mauras Geburt herrschten die Han bereits in Umbria. Es waren Eindringlinge aus dem Süden, voller Gier nach den gefährlichen Reichtümern des Blutmond-Gebirges.
“So nahe an der Garnison hatten die Jungen ja auch nichts zu suchen!” schimpfte die Mutter, die sich jedoch mehr über Maura als über ihren Sohn zu ärgern schien. “Schließlich müssen die Soldaten die Ordnung aufrechterhalten, nicht wahr? Wenn es ein Schmerzstachel war, dann war er wahrscheinlich für die Gesetzlosen bestimmt. Ich habe gehört, dass drüben im Betchwood-Wald schon wieder so eine Bande ihr Unwesen treibt.”
“Mag sein”, meinte Maura. Hätte sie doch nur den Mund gehalten! Vielleicht waren die Zauberwaffen der Garnison wirklich nur für die Gesetzlosen bestimmt, von denen einige in letzter Zeit ziemlich dreist geworden waren.
“Wie geht es deiner Hand jetzt?” Sie wandte sich wieder dem Jungen zu. “Besser?”
Das Kind nickte. “Es tut noch ein bisschen weh, aber nicht mehr so schlimm.”
Maura wusste, dass eine solche Verletzung eigentlich ein stärkeres Heilmittel brauchte. “Ich weiß, was deine Hand wieder gesund machen wird – frischer Königinnenbalsam.”
Er blühte, wenn sie Geburtstag hatte. In ihrer Kindheit hatten sie und Langbard diesen Tag oft mit einem Picknick gefeiert und dann gemeinsam das Kraut gesammelt.
“Ich hoffe, du hast etwas aus dieser Geschichte gelernt.”
Hastig packte sie ihre Sachen wieder in den Korb. Mit einem Mal wollte sie nur noch nach Hause. “Wenn du das nächste Mal so ein Metallding siehst, dann bleib weg davon.”
Die Mutter nickte. Widerwillig musste sie Maura Recht geben.
Maura erhob sich von dem Schemel, der neben dem Bett des Jungen stand, und reichte seiner Mutter das Salbentöpfchen. “Wenn er Schmerzen hat, streicht ihm die Salbe auf, doch reibt nicht zu sehr. Morgen bringe ich Euch etwas Königinnenbalsam.”
“Bemüht Euch nicht.” Die Frau steckte das Gefäß in die Schürzentasche. Sie schien zwischen Dankbarkeit und dem Wunsch, dass Maura endlich wieder ihr Haus verlassen möge, hin und her gerissen. “Ihr habt uns sehr geholfen.”
Maura blickte auf den Jungen, dem langsam die Augen vor Müdigkeit zufielen. “Die Salbe wird die Schmerzen lindern, doch sie wird die Hand nicht heilen. Um einen Schmerzzauber zu bekämpfen, braucht man stärkere Mittel.”
Sie ging zur Tür. “Wenn Ihr nicht wollt, dass man mich hier noch einmal sieht, kann ich Sorsha Swinley bitten, Euch den Königinnenbalsam zu bringen.”
“Das wäre besser.” Sofort schien die Frau ihr schroffes Benehmen zu bereuen. “Es tut mir Leid, Mistress Woodbury, ich wollte nicht undankbar erscheinen. Es war nett von Euch, so schnell zu kommen. Es ist nur … nun … ich nehme an, Ihr wisst, was ich meine.”
“Ja”, erwiderte Maura seufzend.
Zum Teil verstand sie die Frau nur zu gut. Es konnte gefährlich sein, einen Zauberer zu kennen, denn Heiler wurden von den Han mit Misstrauen betrachtet. Der Wahlspruch der Eroberer hieß: Den Starken gehört die Welt. Und keiner soll die Schwachen bedauern, wenn sie auf der Strecke bleiben.
“Ich bin froh, dass Ihr mir nicht böse seid.” Die Frau öffnete die Tür gerade weit genug, um einen Blick nach draußen zu werfen. Vorsichtig schaute sie die Straße hinauf und hinunter. Dann ließ sie Maura hinaus. “Ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mir die andere Salbe schicken würdet”, sagte sie hastig.
Als Maura sich umwandte, hatte sie die Tür bereits wieder geschlossen.
Maura zog ihr Umschlagtuch über den Kopf und machte sich auf den Weg zu Langbards gemütlichem, mit Stroh gedecktem Cottage im Norden des Dorfes. Seit sie denken konnte, also seit einundzwanzig Jahren, lebte sie dort.
Doch wie war sie zu Langbard gekommen? Wo waren ihre Eltern? Was war mit ihnen geschehen? Jahrelang hatte Langbard ruhig, aber unnachgiebig die Antwort auf solche Fragen verweigert. Aber weil er ansonsten gut zu ihr war, hatte Maura schließlich widerstrebend akzeptiert, dass ihre Herkunft im Dunkeln lag.
Jetzt fragte sie sich, ob die geheimnisvolle Botschaft wohl etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte.
Am Dorfrand sah sie ihre Freundin Sorsha und wollte sie gerade rufen, als ein paar Han-Soldaten in die Hauptstraße einbogen, die sich laut miteinander unterhielten. Maura fand, dass ihre Sprache einen unangenehm kreischenden Klang hatte.
Die Han waren größer als die meisten Umbrianer und muskulös. Ihre hellen Haare trugen sie sehr lang und zogen die Mähnen durch Löcher oben in ihren Helmen, so dass sie wie Federschweife über den Köpfen wippten.
Maura senkte den Blick, wie Langbard es sie gelehrt hatte. Sie ging nicht langsamer, aber auch nicht schneller. Obwohl die Soldaten dicht an ihr vorbeischritten, schienen sie sie gar nicht wahrzunehmen.
Als sie endlich fort waren, lief Maura los. Bald hatte sie Sorsha eingeholt, die gerade vom Markt nach Hause ging.
“Maura! Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, hätte ich auf dich gewartet”, rief Sorsha.
Als Maura ihr von dem Krankenbesuch erzählte, verzog Sorsha ärgerlich das Gesicht.
Sie war etwas kleiner als Maura und nach drei Schwangerschaften auch ganz hübsch rundlich. Ihre wilde Lockenmähne besaß ein kräftigeres Rot als die von Maura, und ihre Nase war voller Sommersprossen.
Eine einzige Frau wie Sorsha zur Freundin zu haben war besser, als viele Freunde zu besitzen, hatte Maura schon oft gedacht.
“Diese ekelhafte Prin Howen”, stieß ihre Freundin jetzt wütend hervor. “Der werde ich morgen aber die Meinung sagen! Wenn der kleine Noll zu dumm ist, um die Finger von Sachen zu lassen, die ihn nichts angehen, dann muss sie eben besser auf ihn aufpassen. Und dann auch noch unhöflich sein, nachdem du ihnen geholfen hast! Beim Allgeber, ich bin vielleicht wütend!”
“Sag nichts, Sorsha, bitte! Das macht alles nur noch schlimmer.”
Ihre Freundin wechselte das Thema. “Kommst du mit auf eine Tasse Tee? Die Kinder freuen sich immer so, wenn du da bist.”
“Ein andermal gerne.” Bedauernd schüttelte Maura den Kopf. “Ich muss nach Hause. Kurz bevor ich zu dem Jungen ging, hat Langbard nämlich eine Botschaft erhalten. Noch nie habe ich ihn so besorgt gesehen.”
“Langbard besorgt? Dann muss es etwas Ernstes sein”, meinte Sorsha. “Von wem kam die Botschaft? Von jemandem aus dem Dorf?”
“Ich weiß es nicht, aber ich vermute, sie kam von weit her. Ein Botenvogel brachte sie.”
Inzwischen hatten die beiden Freundinnen den schmalen Pfad erreicht, der zur Hoghill Farm hinaufführte. Mauras Blick schweifte zu dem kleinen Hügel hinüber, der von der nördlichen Straße aus die Sicht auf Langbards Cottage versperrte. “Ich hoffe, er vertraut sich mir an. Er scheint immer noch nicht bemerkt zu haben, dass ich kein Kind mehr bin.”
“Ältere Leute sind nun einmal so. Ich denke, wir werden später auch nicht viel anders sein.” Aufmunternd drückte Sorsha ihrer Freundin die Hand. “Du weißt ja, wenn Newlyn und ich dir irgendwie helfen können, so tun wir es gerne. Du brauchst nur etwas zu sagen.”
“Ich weiß, dass ich auf euch zählen kann.”
Das letzte Mal hatte Maura sich solche Sorgen gemacht, als ihre Freundin sich mit einem gefährlichen Flüchtling eingelassen hatte, einem der lebenden Toten aus dem Blutmond-Bergwerk. Doch die Geschichte zwischen Sorsha und ihrem jetzigen Gatten, dem Mann, den man hier unter dem Namen Newlyn kannte, war gut ausgegangen.
Entschlossen schob Maura die düsteren Ahnungen beiseite und eilte den Hügel hinauf. Sie fand Langbard in seinem Lieblingssessel vor dem Kamin. Er umklammerte immer noch das Pergament, das er vom Bein des Botenvogels gelöst hatte.
Ihr Vormund war ein großer Mann, größer als die meisten Han, mit einem hageren Gesicht und von schlanker Gestalt. Die Mitte seines Kopfes war kahl, doch den dichten Haarkranz hatte er lang genug wachsen lassen, um ihn zu einem dicken Zopf flechten zu können, der ihm über den Rücken fiel.
Mit einem etwas geistesabwesenden Lächeln blickte er jetzt auf. “Das Kind – wie geht es ihm?”
“Der arme kleine Bursche hat einen Schmerzstachel angefasst.” Sie setzte ihren Korb ab. “Er wird aber wieder gesund werden, wenn ich ihm erst einmal eine Salbe aus Königinnenbalsam gebracht habe.”
Langbard nickte zustimmend.
Maura kauerte sich neben ihn. “Bevor ich losgehe, um im Betchwood-Wald Königinnenbalsam zu sammeln, musst du mir erzählen, was für eine Botschaft du erhalten hast.”
“Königinnenbalsam sammeln?” Überrascht richtete Langbard sich auf. “Wie, hast du heute Geburtstag?”
“Ja, Onkel … aber was ist das für eine Botschaft?”
“Alles zu seiner Zeit, Liebes.” Er nahm ihre Hand und half ihr beim Aufstehen. “Lass uns etwas Essen einpacken und zusammen in den Betchwood-Wald gehen, so wie wir es immer getan haben.”
Seinem melancholisch zärtlichen Lächeln konnte Maura nicht widerstehen.
“Im Erdkeller sind noch ein paar Hammelwürste. Außerdem habe ich heute Morgen frisches Haferbrot gebacken. Und wenn du nicht genascht hast, sollte auch noch etwas Riedbeerkuchen da sein.”
“Ein wunderbares Geburtstagsfest”, rief Langbard erfreut. “Pack alles in den Korb, während ich mich fertig mache.”
“Nur unter einer Bedingung, Onkel.”
“Und die wäre?”
“Auf dem Weg in den Wald musst du mir erzählen, was es mit der Botschaft auf sich hat.”
“Natürlich, mein Kind.” Langbard starrte auf das Pergament in seiner Hand, als würde er nur ungern daran erinnert.
“Ich darf es nicht länger hinauszögern”, murmelte er leise vor sich hin.
Wehmütig blickte er sich in dem Raum um, der ihnen als Küche und Wohnzimmer diente. “Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass du ein winziges Dingelchen warst und hier auf dem Boden herumgekrochen bist. Alles, was du erwischen konntest, hast du dir in den Mund gesteckt. Kein Wunder, dass so eine geschickte Zauberin aus dir geworden ist. Du konntest noch nicht laufen, da hattest du schon alle möglichen Zaubermittel in dich hineingestopft.”
Während Maura in den Erdkeller hinunterkletterte, suchte Langbard nach seinem Wanderstab, Umhang, Hut und dem Schultergurt mit den vielen Taschen, den er immer trug, wenn er sich von der Hütte entfernte. In den Taschen befand sich eine Art Erste Hilfe-Notfallration von sämtlichen Zutaten, die man für einen Belebungszauber brauchte. Man wandte ihn an, wenn man verwundet war oder sich verteidigen musste.
Als sie einige Zeit später über die nördliche Weide von Swinley gingen, fragte Maura wieder nach der geheimnisvollen Botschaft. “Wer hat sie dir gesandt? Es ist eine schlechte Nachricht, nicht wahr?”
Langbard schüttelte den Kopf. “Eine ernste vielleicht, aber keine schlechte. Es könnte sogar die beste Nachricht für das Volk von Umbria sein. Vielleicht ist es selbstsüchtig von mir, es nicht so zu sehen.”
“Bitte, Onkel, du sprichst in Rätseln.”
“Verzeih, Liebes, aber ich weiß nicht recht, womit ich beginnen soll. Vielleicht hätte ich dich schon vor langer Zeit darauf vorbereiten sollen. Doch ich hatte Angst, du könntest dich verplappern. Und du warst ein so glückliches Kind. Da brachte ich es nicht übers Herz, dich schon damals mit solch einer Bürde zu belasten.”
“Das hört sich ja schrecklich an, Onkel.”
Langbard seufzte. “Vielleicht war es falsch von mir, dir nicht zu erzählen, was ich über deine Eltern weiß.”
Würde sie nun endlich erfahren, wer ihre Eltern waren?
Irgendwann war ihr klar geworden, dass die meisten Kinder Vater und Mutter hatten. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Vermutung gewesen, ihre Eltern hätten sie verstoßen, weil sie sie nicht liebten. Sorsha hatte sich alle Mühe gegeben, ihr das auszureden. Ihre Erklärung war dramatischer: Gesetzeslose hatten Mauras Eltern ermordet.
Jahrelang hatte Maura lieber an die Ermordung ihrer Eltern geglaubt, als an die Möglichkeit, verstoßen worden zu sein. Doch tief in ihrem Herzen hatten die Zweifel nie aufgehört.
“Am besten beginne ich ganz von vorne”, seufzte Langbard. “Erinnerst du dich noch an die Geschichten, die ich dir von König Elzaban erzählt habe?”
“Aber natürlich. Ich hörte sie am liebsten.”
Vor Tausenden von Jahren hatte Elzaban, der Margrave of Tarsh, die Provinzen von Umbria zu einer stolzen, großen Nation zusammengeschmiedet. Man erzählte sich viele Heldensagen über seine kurze, aber glorreiche Herrschaft.
Langbard fuhr fort: “Dann erinnerst du dich sicher, dass er während der Schlacht der Drei Burgen verschwand und nie mehr gesehen wurde?”
“Ja, Onkel. König Elzaban war im Kampf tödlich verwundet worden. Aber seine Geliebte Abrielle brachte ihn an einen geheimen Ort und legte einen mächtigen Schlafzauber über ihn, der Tod und Zeit von ihm fern hielt”, antwortete Maura mit einem träumerischen Klang in der Stimme. All ihr Wissen über die leidenschaftliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau hatte sie aus der alten Sage bezogen.
“Vergiss nicht den wichtigsten Teil der Geschichte. In der Stunde der größten Not wird der Wartende König von der Auserkorenen Königin aus seinem Zauberschlaf geweckt werden. Zusammen werden sie wieder sein Königreich errichten.”
“Ich wünschte, sie würden sich damit ein bisschen beeilen”, murmelte Maura.
Immer, wenn sie mit ansehen musste, wie die Han die Bauern schikanierten, kam ihr dieser Gedanke. Was hielt den Wartenden König und die Auserkorene Königin zurück?
Falls Langbard ihre Bemerkung gehört hatte, so ließ er sich nichts anmerken. “Habe ich dir je erzählt, was aus Abrielle geworden ist?”
“Nein. Was geschah denn mit ihr?”
“Nur wenige kennen diesen Teil der Geschichte”, erwiderte Langbard. “Sie heiratete den Ersten Ritter ihres Herrn und gebar ihm eine Tochter. Jahre später bekam diese Tochter ebenfalls eine Tochter. Jahrhundertelang waren die fürstlichen Magierinnen aus Abrielles Geschlecht die Beraterinnen der Könige von Umbria. Es heißt, dass eine aus ihren Reihen die Auserkorene Königin sein wird.”
Schweigend blickte er Maura an. “Die Botschaft kam von den Vestan-Inseln. Von den Gelehrten, welche die Schriften der Alten Wege studieren, um herauszufinden, wann die Auserkorene Königin ihre Suche beginnen muss. Die Botschaft sagt …”
“Ihre Zeit ist gekommen”, flüsterte Maura und begriff langsam, was Langbard ihr zu sagen versuchte.
Doch sie konnte es nicht glauben.
“Meine Zeit ist gekommen?” Sie brach in ein fast hysterisches Gelächter aus. “Onkel, das ist eine viel zu ernste Sache, um damit zu scherzen.”
“Da hast du Recht, Liebes. Glaub mir, ich meine es absolut ernst.”
Sein fester Blick sagte Maura, dass er die Wahrheit sprach.
“Das kann nicht sein. Ich bin doch nichts Besonderes.”
“Unsinn! Du weißt nicht genug von der Welt, um beurteilen zu können, wie außergewöhnlich du bist.”
Außergewöhnlich vielleicht. Aber die Auserkorene Königin von Umbria?
Sie wollte nicht länger hier stehen und einfach nur zuhören. Der kühle Schatten des Betchwood-Waldes lockte in einiger Entfernung. Maura ging darauf zu. Doch so leicht ließ sich Langbard nicht zum Schweigen bringen. Sie hörte, wie er hinter ihr herlief und konnte sich vorstellen, wie sich bei jedem seiner weit ausgreifenden Schritte der Umhang bauschte und die graue Robe um seine Füße wirbelte.
“Du musst wissen, dass ich nicht immer in diesem ruhigen Winkel des Königreiches gelebt habe”, fuhr er etwas atemlos fort, nachdem er sie eingeholt hatte. “Als junger Mann schaffte ich mir viel Anerkennung als Gelehrter der Alten Wege. Ich hatte gehofft, unsere vergessene Kultur wiedererwecken zu können.”
Verstohlen musterte Maura ihn, während sie sich vorzustellen versuchte, wie diese vertrauten hageren Züge wohl in ihrer Jugend ausgesehen hatten. “Und was änderte deine Meinung? Das Auftauchen der Han?”
“Nein. Es war das Orakel von Margyle. Es weissagte mir, dass ich eines Tages der Vater der Auserkorenen Königin sein werde. Natürlich verstand ich zu dieser Zeit noch nicht die ganze Wahrheit.” Langbard zuckte mit den Schultern. “Das ist das Ärgerliche an diesen Orakeln. Sie sind nicht immer leicht zu verstehen.”
Jetzt hatten sie den Waldrand erreicht.
“Lass uns erst etwas essen, bevor wir uns weiter unterhalten.” Langbard reichte Maura den Korb und ließ sich auf einem umgestürzten Baumstamm nieder, der dick mit weichem Moos gepolstert war. “Wir können das Kraut später sammeln.”
“Ja … natürlich.” Maura ließ sich ins Gras sinken und fing an, den Korb auszupacken.
Irgendwie hatte sie das Gefühl, als wären Herz, Verstand und Körper nicht mehr eins. Die Sonne schien hell und warm. In der Nähe rauschte ein kleiner Wasserfall. Doch beides hatte nicht mehr die beruhigende Wirkung auf sie wie in früheren Tagen.
Nachdem er nun endlich dieses bedeutsame Thema zur Sprache gebracht hatte, schien Langbard zu seiner alten Gelassenheit zurückgefunden zu haben. Mit sichtlichem Genuss verspeiste er ein kleines Haferbrot und die kalte Hammelwurst. Zwischen zwei Bissen fuhr er mit seiner Geschichte fort.
“Ich war nicht gerade begierig darauf, meinen Teil zu dieser Geschichte beizutragen. Ich war mit meiner Arbeit verheiratet und hielt es nicht für sehr fair, von einer Frau zu verlangen, sich mit dem zweiten Platz in meinem Leben zufrieden zu geben. So gab ich, mit einigem Bedauern, meine Studien auf. Ich nahm die Nase aus den Büchern und schaute mich etwas in der Welt um. Und entdeckte, dass es eine Dame in meinem Umkreis gab, die mir Zuneigung entgegenbrachte.”
Noch nach all diesen Jahren schaute er bei der Erwähnung dieser Erkenntnis so freudig überrascht aus, dass Maura schmunzeln musste.
“Wir waren sehr glücklich miteinander”, bemerkte Langbard, während er seinen Erinnerungen nachhing. “Selbst in den dunklen Tagen Umbrias, als der Krieg um uns herum tobte. Wir ließen uns hier, in einem ruhigen, überschaubaren Winkel des Königreiches nieder. Der gesündeste und sicherste Platz, den wir finden konnten, um ein Kind großzuziehen … doch es kam keins.”
Er wandte sich ab und starrte einen Moment lang auf den kleinen Wasserfall. Dann fuhr er fort: “In dem Winter, als meine Frau krank wurde und starb, wollte ich mit ihr sterben. Ich zweifelte an meinem Glauben an die Alten Wege. Waren sie vielleicht doch nur ein paar närrische Geschichten, an die sich die Menschen klammerten, wenn es sonst nirgends mehr Trost und Hoffnung für sie gab?”
“Und dann?” Maura hing an seinen Lippen.
“Dann hörte ich eines Nachts die Hilferufe deiner Mutter.”
Fragen, die sie schon vor Jahren hätte stellen sollen, brachen aus Maura hervor.
“Wie war sie? Wohin ging sie? Warum hat sie mich bei dir zurückgelassen? Wer war mein Vater?”
“Dein Vater?” Langbard griff ihre letzte Frage als Erste auf. Vielleicht, weil sie am Leichtesten zu beantworten war. “Ich weiß es nicht. Deine Mutter hat es mir nie erzählt, und ich habe nicht gefragt. Ich dachte, ich würde es vielleicht während des Rituals des Hinübergehens erfahren, aber sie nahm ihr Geheimnis mit ins Jenseits.”
“Dann ist sie also gestorben?” Ihre Mutter hatte sie nicht im Stich gelassen.
Langbard nickte, während er an einem Stück Brot kaute.
“Wann?”
“Nicht lange, nachdem du entwöhnt warst. Es tut mir Leid, dass du keine Erinnerung an sie hast. Sie war so wunderschön und so schrecklich traurig. Ich glaube, sie ist an gebrochenem Herzen gestorben.”
Seine Worte trafen Maura wie ein Schlag. “War ihr Kind denn keine Freude für sie?”
“Oh, mein Liebes!” Langbard sprang auf und fiel neben ihr auf die Knie, umfasste liebevoll ihre Hände – und merkte gar nicht, dass er in den Trümmern ihres Riedbeerkuchens kniete. “Glaub mir, ihre Liebe zu dir war das Einzige, was deiner Mutter Kraft verlieh.”
Plötzlich gewann Mauras Sinn fürs Praktische wieder Oberhand. “Langbard, dein Gewand! Nichts macht so scheußliche Flecken wie Riedbeeren! Ich muss es sofort einweichen, wenn wir zu Hause sind.”
“Maura!” Langbard hob mit dem Zeigefinger ihr Kinn zu sich empor, so dass sie ihm in die Augen schauen musste. “Du hast jetzt Wichtigeres zu tun, als dich mit schmutzigen Gewändern oder Heilsalben für die Dorfbewohner zu beschäftigen.”
“Wie kann ich das denn?” Allein der bloße Gedanke an ihre neue Aufgabe ließ sie erzittern. “Ich war nie weiter von zu Hause fort als bis Windleford. Mein ganzes Leben lang hast du mich gelehrt, Gefahren zu meiden. Wie soll ich den Wartenden König finden, wenn in Hunderten von Jahren keiner auf ihn gestoßen ist? Welche Rolle soll ich bei der Vertreibung der Han aus Umbria spielen?”
Mit jedem Wort ging ihr Atem heftiger, schien ihr das Herz aus der Kehle springen zu wollen.
“Ich will das nicht, Langbard! Ich möchte hier in Norest bleiben, Kleider waschen und Salben zubereiten. Das ist alles, was ich kann. Wieso bist du dir so sicher, dass ich das Mädchen bin, von dem das Orakel sprach? Vielleicht hättest du wieder heiraten und eine eigene Tochter zeugen sollen.”
“Du bist meine Tochter, Maura! Und ich glaube, du kannst das alles vollbringen. Umbria braucht eine Königin, die mit einfachen Aufgaben genau so gut zurechtkommt wie mit schwierigen. Eine Königin, die ihrem Volk hilft, Frieden und Glück wiederzufinden, weil sie selbst Frieden und Glück gekannt hat.”
Während diese Worte langsam die Mauer aus Abneigung und Verweigerung durchdrangen, mit der Maura sich umgeben hatte, fuhr Langbard fort. “Erst während des Rituals des Hinübergehens entdeckte ich, wer deine Mutter war und dadurch auch, wer du bist. Nach dem Tod meiner Frau hatte ich nicht mehr an die Prophezeiung geglaubt. Aber als ich lernte, dass du die Letzte aus Abrielles Linie bist, glaubte ich wieder an den Allgeber und die Alten Wege. Du musst auch an sie glauben, und an dich. Daran, dass du deine Aufgabe erfüllen wirst.”
Sein ruhiger Blick und die Überzeugung, die in seiner Stimme lag, halfen Maura, ihrer aufsteigenden Panik Herr zu werden.
“Bis heute Morgen habe ich noch nicht einmal gewusst, dass ich ein Schicksal habe. Ich glaube an den Wartenden König. Ich möchte, dass er zurückkommt. Aber wie soll ich …?”
“Es tut mir Leid, dass ich dich erst jetzt mit dieser Nachricht überfallen habe”, seufzte Langbard schuldbewusst.
“Wenn das alles stimmt”, begann Maura zögernd, “wie bald muss ich aufbrechen, und wohin muss ich gehen?”
“Die alten Schriften sagen, dass der Wartende König zum Vollmond der Sommersonnwende geweckt werden muss.”
Maura spürte, wie erneut Panik in ihr aufstieg. “Aber bis dahin sind es nur noch zehn Wochen! Wie weit muss ich in dieser Zeit gehen?”
“Ich wünschte, ich könnte es dir sagen, Liebes. Zuerst müssen wir uns in den Besitz einer uralten Karte bringen, die uns zur Geheimen Lichtung führt. Seit vielen Jahren wird diese Karte in einer Stadt namens Prum versteckt. Der Ort liegt am Rande der Südmark-Steppe.”
“Sagtest du wir?”
“Ja, glaubtest du denn, ich würde dich ganz allein auf eine solche Suche schicken?”
“Onkel!” Stürmisch fiel sie Langbard um den Hals. Und sie umarmte ihn umso fester, weil sie jetzt wusste, wie viel er ihr zuliebe geopfert hatte.
Der Magier schlang die Arme um sie. “Irgendwie wird es uns schon gelingen. Du wirst sehen.”
Der Wollstoff seines Umhangs kratzte an ihrer Wange, als sie eifrig nickte. Sie wollte Langbard nicht merken lassen, dass sie seinen Optimismus nicht teilte. Und sie teilte ihn ganz und gar nicht.








