Yelena und der Mörder von Sita

von Maria V. Snyder

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Nach ihrem Weggang aus Ixia hat Yelena nur wenig Zeit, um ihre Familie kennen zu lernen, aus deren Armen sie als Kind gestohlen wurde: Die Zitadelle von Sitia wartet auf ihr Eintreffen, damit sie unter der Führung der Magierin Yris ihre magische Ausbildung beginnt. Doch dann werden im ganzen Land junge Magierinnen entführt und getötet, um sie ihrer Macht zu berauben. Yelena schließt sich der Jagd auf den Mörder an – begleitet von ihrem Geliebten Valek, dem die Hinrichtung droht, sollte er in Sitia entdeckt werden. Und so muss Yelena ungeahnte magische Kräfte entwickeln, um den Mörder zu fangen und ihre Liebe zu schützen.

Leseprobe:

Vor der fünften Tür blieben wir stehen. Sie war geschlossen.
“Komm herein”, rief Irys, ehe ich anklopfen konnte.
Ich drehte am Knauf. Irys stand neben einem Mann, der ganz in Weiß gekleidet war. Vermutlich Hayes, der Mediziner. Das Zimmer wurde beherrscht von einem Bett in der Mitte, auf dem sich unter einem dünnen Laken die Umrisse eines Körpers abzeichneten. Das Gesicht der Person war fast vollkommen bandagiert.
In einer Ecke des Raums hockte Leif auf einem Stuhl. Bei meinem Anblick reagierte er verärgert. “Was will die denn hier?”, fragte er unwirsch.
“Ich habe sie gebeten zu kommen. Vielleicht kann sie helfen”, antwortete Irys.
“Was ist denn passiert?”, erkundigte ich mich bei ihr.
“Man hat Tula mehr tot als lebendig in Booruby gefunden. Ihre Seele ist aus ihrem Körper verschwunden, und wir können keinen Kontakt zu ihr aufnehmen”, erklärte Irys. “Wir müssen unbedingt herausfinden, wer ihr das angetan hat.”
“Ich kann sie nicht spüren”, sagte Leif. “Und die anderen Meister-Magier können sie auch nicht erreichen. Sie ist wohl endgültig von uns gegangen, Vierte Magierin. Ihr verschwendet nur Eure Zeit.”
“Was hat man denn mit ihr angestellt?”, erkundigte Cahil sich.
“Man hat sie geschlagen, gequält und vergewaltigt”, antwortete der Mediziner. “Was auch immer man sich an Grausamkeiten ausdenken kann, wurde ihr vermutlich angetan.”
“Dabei hat sie noch Glück gehabt”, meinte Irys.
“Wie könnt Ihr von Glück reden?”, fragte Cahil aufgebracht. Seine Stimme klang gepresst, und die Schultern hatte er angriffslustig vorgestreckt.
“Weil sie überlebt hat”, erwiderte Irys. “Die anderen sind nicht so glimpflich davongekommen.”
“Wie viele waren es denn?”, fragte ich unwillkürlich, obwohl ich es gar nicht wissen wollte.
“Sie ist das elfte Opfer. Die anderen waren alle tot, als man sie fand. Sie wurden genauso misshandelt.” In Irys Miene spiegelte sich Abscheu.
“Wie kann ich helfen?”, fragte ich.
“Eigentlich ist mentales Heilen meine stärkste Fähigkeit. Aber dann musste ich feststellen, dass ich mit dem Commander keinen Kontakt aufnehmen und ihm sein Bewusstsein zurückgeben konnte. Dir dagegen ist das gelungen”, erklärte sie.
“Was?”, rief Cahil. “Du hast dem Commander geholfen?”
Wütend funkelte er mich an, doch ich beachtete ihn nicht.
“Aber den Commander kannte ich. Ich wusste in etwa, wo ich ansetzen musste”, sagte ich zu Irys. “In diesem Fall bin ich mir nicht sicher, ob ich dir helfen kann.”
“Versuch es trotzdem. Die Leichen wurden in verschiedenen Städten in ganz Sitia entdeckt. Bis jetzt haben wir noch kein Motiv für die Morde gefunden, und es gibt keinen Verdächtigen. Wir müssen dieses Monster so schnell wie möglich zu fassen kriegen.” Irys zupfte sich am Haar. “Das hier gehört nun mal zu den Problemen, mit denen du dich als Magierin beschäftigen musst. Betrachte es einfach als eine praktische Übung.”
Ich trat näher ans Bett. “Kann ich ihre Hand halten?”, fragte ich den Mediziner.
Er nickte und zog das Laken zurück. Der Körper des Mädchens war mit blutgetränkten Verbänden umwickelt, und an den Stellen, die die Bandagen freiließen, sah die Haut aus wie rohes Fleisch. Cahil stieß einen leisen Fluch aus. Ich warf Leif einen Blick zu, doch er hatte sein Gesicht zur Wand gedreht.
Offenbar war jeder Finger des Mädchens einzeln gebrochen worden, denn alle waren geschient. Vorsichtig ergriff ich ihre Hand und rieb mit meinen Fingerspitzen über ihre Handfläche. Ich zapfte die Kraftquelle an, schloss die Augen und projizierte meine Energie in sie hinein.
Ihre Seele hatte sie verlassen, und die entstandene Leere machte den Eindruck, als würde Tula nie wieder ins Bewusstsein zurückkehren. Graue, formlose und nicht fassbare Wesen schwebten durch das Vakuum. Bei näherer Betrachtung verkörperte jedes dieser Phantome Tulas Erinnerung an jeweils ein besonders schreckliches Erlebnis. Die Gesichter der geisterhaften Gestalten waren verzerrt vor Qual, Furcht und Entsetzen. Sengende Schmerzen entflammten meine Haut. Ich verdrängte die Phantome und konzentrierte mich darauf, die wirkliche Tula zu finden, die sich wahrscheinlich an einem Ort verborgen hielt, wo sie für die Schreckgespenster unerreichbar war.
Auf einmal hatte ich das Gefühl, als kitzelten Grashalme meine Haut. Der frische, erdige Geruch einer taubedeckten Wiese lag in der Luft, dessen Herkunft ich jedoch nicht ausfindig machen konnte. Ich suchte so lange, bis meine Kräfte versagten und ich die Verbindung nicht länger aufrechterhalten konnte.
Schließlich öffnete ich die Augen. Ich saß auf dem Boden; die Hand des Mädchens hielt ich immer noch umklammert. “Tut mir Leid”, sagte ich. “Aber ich kann sie nicht finden.”
“Habe ich nicht gleich gesagt, dass es Zeitverschwendung ist?” Leif schoss aus seiner Ecke hervor. “Was habt Ihr denn von einer aus dem Norden erwartet?”
“Ich werde sie bestimmt nicht so schnell aufgeben wie du”, rief ich ihm nach, als er aus dem Zimmer stürmte.
Mit gerunzelter Stirn sah ich ihm hinterher. Es musste einen anderen Weg geben, um Tula aufzuwecken.
Der Mediziner löste die Hand des Mädchens aus meiner und schob sie unter die Decke zurück. Ich blieb auf dem Boden sitzen, während er und Irys über den Zustand der Patientin diskutierten. Ihr Körper würde sich erholen, glaubten sie, befürchteten jedoch, dass sie nie wieder bei klarem Verstand sein würde. Aus ihrem Gespräch hörte ich heraus, dass ihr offenbar das gleiche Schicksal drohte wie den Kindern, die Reyad und Mogkan in Ixia herangezüchtet und deren magische Kräfte sie sich einverleibt hatten, so dass nur leere, seelenlose Hüllen zurückgeblieben waren. Noch immer überlief mich eine Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnerte, wie die beiden widerwärtigen Männer versucht hatten, meinen Willen zu brechen.
Ich konzentrierte mich wieder auf Tulas Situation und dachte angestrengt nach. Auf welche Weise war es mir gelungen, den Commander zu finden? Er hatte sich an den Ort seines größten Erfolges zurückgezogen. Jenen Ort, wo er am glücklichsten war und alles unter Kontrolle hatte.
“Irys”, unterbrach ich ihr Gespräch mit dem Mediziner, “erzähl mir alles, was du über Tula weißt.”
Sie überlegte eine Weile, und ich konnte die Fragen spüren, die ihr durch den Kopf gingen.
Vertrau mir, sagte ich in ihre Überlegungen hinein.
“Viel ist das nicht”, begann Irys. “Ihre Familie besitzt eine gut gehende Glasmanufaktur in der Nähe von Booruby. Um diese Jahreszeit haben sie immer viel zu tun, und die Brennöfen sind rund um die Uhr in Betrieb. Während der Nacht sollte Tula darauf achten, dass die Feuer nicht ausgingen. Doch als ihr Vater am nächsten Morgen zur Arbeit erschien, waren die Öfen kalt, und Tula war verschwunden. Sie suchten Tag und Nacht nach ihr und fanden sie schließlich halb tot auf einem Acker. Unser Mediziner in Booruby kümmerte sich um ihre Verletzungen. Weil er jedoch keine mentale Verbindung zu ihr herstellen konnte, brachten sie sie zu mir.” Irys Enttäuschung darüber, dass auch sie bisher erfolglos geblieben war, zeichnete sich in ihrer Miene ab.
“Hat Tula Geschwister?”, erkundigte ich mich.
“Mehrere. Wieso?”
Ich überlegte angestrengt. “Ist eines von ihnen in ihrem Alter?”
“Ich glaube, sie hat eine jüngere Schwester.”
“Wie viel jünger?”
“Nicht viel. Ein Jahr oder anderthalb vielleicht”, schätzte Irys.
“Kannst du ihre Schwester hierher bringen lassen?”
“Warum?”
“Mit ihrer Hilfe kann ich Tula möglicherweise zurückholen.”
“Ich lasse sie benachrichtigen.” Irys wandte sich an den Mediziner. “Hayes, gib mir Bescheid, wenn Tulas Zustand sich ändert.”
Hayes nickte, und Irys ging hinaus.
Cahil und ich folgten ihr. Er sagte kein Wort, als wir die Krankenstation verließen und in die Dämmerung hinaustraten. Jetzt, da die Sonne fast untergegangen war, hatte sich die Luft abgekühlt, und eine leichte Brise wehte mir ins Gesicht. Tief atmete ich die frische Luft ein und versuchte, das Entsetzen, das der Anblick des geschundenen Mädchens in mir verursacht hatte, zu vergessen.
Cahil musterte mich von der Seite. “Ganz schön anmaßend von dir zu glauben, sie erreichen zu können, wenn es nicht einmal eine Meister-Magierin schafft”, meinte er und entfernte sich mit schnellen Schritten.
“Ganz schön dumm”, rief ich ihm nach, “aufzugeben, bevor alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.”
Ohne auf meine Antwort zu reagieren, lief er weiter. Na schön. Jetzt hatte ich einen Grund mehr, ihm zu beweisen, dass er im Unrecht war.