Yelena und die Magierin des Südens

von Maria V. Snyder

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Kurz vor ihrer Hinrichtung wird Yelena ein außergewöhnliches Angebot gemacht: Sie bekommt das beste Essen, eigene Gemächer im Schloß – und riskiert ihr Leben, falls jemand versucht, den Kommandanten von Ixia zu töten. Und so entscheidet sich Yelena, unter Anleitung des Sicherheitschefs Valek Vorkosterin des Kommandanten zu werden. Aber Valek überlässt nichts dem Zufall: Damit sie nicht flieht, gibt er ihr regelmäßig Schmetterlingsstaub ins Essen. Und nur, wenn sie täglich das Antiserum von ihm erhält, kann sie ihren langsamen und qualvollen Tod verhindern. Als Rebellen planen, Ixia in ihre Gewalt zu bringen, entwickelt Yelena magische Kräfte, die sie nicht kontrollieren kann. Doch Magie ist in Ixia unter Todesstrafe verboten. Einzig Yris, die Magierin des Südens, kann ihr jetzt noch helfen. Doch wenn Yelena versucht zu fliehen, wird der Schmetterlingsstaub sie langsam aber sicher vergiften.

Leseprobe:

Es war schwarz wie in einem Sarg. In dieser Dunkelheit, die mich umfangen hielt, gab es nichts, was mich von meinen quälenden Erinnerungen hätte ablenken können. Sobald ich meinen Gedanken freien Lauf ließ, überfielen mich die grässlichen Bilder wie wilde Tiere.
Aus der Finsternis tauchten gleißende Flammen auf und loderten vor meinem Gesicht. Im letzten Moment konnte ich ihnen ausweichen, obwohl ich mit den Händen an einen Pfosten gefesselt war, der sich mir  schmerzhaft in den Rücken bohrte. Die Hitze ließ nach, ehe sie meine Haut verbrannte. Dennoch war das Feuer nahe genug gekommen, um meine Augenbrauen und Wimpern zu versengen.
“Lösch die Flammen”, hatte ein Mann mit barscher Stimme befohlen. Ich spitzte die aufgesprungenen Lippen und blies auf das Feuer. Hitze und Angst hatten meinen Mund ausgetrocknet, und meine Zähne fühlten sich so heiß an, als hätten sie in einem Backofen gelegen.
“Närrin”, fluchte er. “Nicht mit dem Mund. Benutze deinen Geist. Lösch die Flammen mit Hilfe deiner Vorstellungskraft.”
Mit geschlossenen Augen versuchte ich, dem Inferno durch pure Willenskraft ein Ende zu setzen. Ich hätte alles Mögliche getan, gleichgültig, wie abwegig es sein mochte, nur damit der Mann endlich von mir abließ.
“Streng dich an.” Wieder wurde es ganz heiß an meinem Gesicht, und das gleißende Rot blendete mich, obwohl ich die Augen fest zukniff.
“Steck ihr das Haar in Brand”, befahl eine andere Stimme. Sie klang jünger und eifriger als die des anderen Mannes. “Das sollte sie gefügiger machen. Komm, Vater, lass es mich mal versuchen.”
Als ich die Stimme erkannte, begann ich, am ganzen Körper zu zittern. Verzweifelt zerrte ich an meinen Fesseln, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Summen drang plötzlich aus meiner Kehle, das immer lauter wurde, bis es den ganzen Raum erfüllte und die Flammen erstickte.
Das metallische Quietschen eines Schlosses riss mich aus meinem Albtraum. Ein Streifen bleichen Lichts durchschnitt die Dunkelheit und tastete sich, breiter werdend, über die Steinwand, als die schwere Kerkertür aufschwang. Die Laterne blendete mich, und schmerzerfüllt kniff ich die Augen zusammen, während ich mich in eine Ecke kauerte.
“Beweg dich, Miststück, oder du wirst die Peitsche spüren.” Zwei Gefängniswächter befestigten eine Kette an dem Metallring um meinen Hals und zerrten mich hoch. Ich spürte einen stechenden Schmerz im Nacken, als ich vorwärts stolperte. Zitternd blieb ich stehen, während die Wächter mir mit flinken Bewegungen die Hände auf dem Rücken fesselten und meine Füße aneinander ketteten.
Ich vermied es, in das flackernde Licht zu schauen, als sie mich durch den Hauptgang des Kerkers führten. Ein widerlicher Geruch schlug mir entgegen. Barfuß watete ich durch Pfützen von undefinierbarem Unrat.
Die Wächter kümmerten sich nicht um die Schreie und das Stöhnen der anderen Gefangenen. Stattdessen achteten sie darauf, wohin sie traten. Ihre Worte trafen mich wie Peitscheinhiebe.
“Ho, ho, ho … jemand wird bald hängen!”
“Knick. Knack. Und dann läuft dir deine letzte Mahlzeit an den Beinen herunter.”
“Eine Ratte weniger durchzufüttern.”
“Nimm mich! Nimm mich! Ich will auch sterben!”
Wir blieben stehen. Blinzelnd nahm ich eine Treppe wahr. Als ich die erste Stufe betreten wollte, stolperte ich über meine Ketten und stürzte. Sofort rissen die Wächter mich hoch. Die scharfen Kanten der Stufen schnitten mir ins Fleisch, und an den rauen Steinwänden schürfte ich mir Arme und Beine auf. Die Männer schubsten mich durch zwei schwere eiserne Türen und stießen mich zu Boden. Sonnenlicht stach mir in die Augen. Ich kniff sie fest zusammen, während mir Tränen über die Wangen liefen. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich wieder Tageslicht.
Jetzt ist es soweit, dachte ich, während Panik in mir hochstieg. Doch die Vorstellung, dass die Hinrichtung meiner elenden Existenz im Kerker ein Ende bereiten würde, tröstete mich ein wenig.
Wieder riss man mich hoch, und blindlings folgte ich den Wächtern. Mein Körper juckte von Insektenstichen und vom schmutzigen Stroh, auf dem ich schlief. Ich stank erbärmlich. Das bisschen Wasser, das man mir zuteilte, verschwendete ich nicht für Körperpflege.
Sobald sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, schaute ich mich um. Nichts als kahle Wände. Nirgendwo waren die berühmten goldenen Leuchter und die feingewirkten Wandteppiche zu sehen, die, wie man mir erzählt hatte, die Hauptkorridore der Burg schmückten. Der kalte Steinfußboden glänzte zur Mitte hin vor Abnutzung. Offenbar liefen wir durch einen der Nebengänge, die nur von den Dienern und Wächtern benutzt wurden. Als wir an zwei geöffneten Fenstern vorbeikamen, schaute ich voller Sehnsucht hinaus.
Das frische Grün des Rasens tat meinen Augen fast weh. Die Bäume waren dicht belaubt. Blumen säumten die Pfade und wucherten üppig in Kübeln. Die frische Brise duftete wie ein teures Parfüm, und ich atmete tief ein. Nach den stechenden Gerüchen von Exkrementen und Körperausdünstungen schmeckte die klare Luft wie köstlicher Wein. Wärme umschmeichelte meine Haut. Verglichen mit dem ewig feuchten und kühlen Verlies war es ein wohltuend besänftigendes Gefühl.
Dies musste der Beginn der heißen Jahreszeit sein, und das bedeutete, dass ich fast ein ganzes Jahr in der Zelle eingeschlossen gewesen war. Eine sehr lange Zeit für jemanden, der auf seine Hinrichtung wartete.
Es war nicht leicht, mit Fußfesseln zu laufen, und ich war ganz außer Atem, als man mich in ein geräumiges Zimmer führte. Landkarten von Ixia und den angrenzenden Ländern hingen an den Wänden. Bücherstapel auf dem Fußboden machten es fast unmöglich, den Raum zu durchqueren. Überall standen Kerzen, einige frisch angezündet, andere fast heruntergebrannt. Manche Dokumente waren den Flammen offenbar zu nahe gekommen, denn sie wiesen braune Flecken auf. Ein großer Holztisch, übersät mit Papieren und umrahmt von einem halben Dutzend Stühlen, beherrschte die Mitte des Raums. Am anderen Ende des Arbeitszimmers, vor einem weit geöffneten Fenster, saß ein Mann an einem Schreibtisch. Sein schulterlanges Haar wehte im Wind.
Unwillkürlich fuhr mir ein Schauer über den Rücken, und meine Ketten klirrten. Durch die geflüsterten Unterhaltungen von Kerkerzelle zu Kerkerzelle hatte ich mitbekommen, dass verurteilte Gefangene einem Beamten vorgeführt wurden, um sich noch einmal zu ihren Vergehen zu bekennen, ehe sie gehängt wurden.
Der Mann trug die Uniform eines Ratgebers des Commanders: schwarze Hose und schwarzes Hemd, auf dessen Kragen zwei rote Diamanten gestickt waren. Das bleiche Gesicht des Mannes war ausdruckslos. Doch bei meinem Anblick riss er überrascht die saphirblauen Augen auf.
Jetzt erst wurde ich mir meines Aussehens bewusst. Ich schaute an meiner zerrissenen roten Gefängniskleidung hinunter, durch deren fadenscheinigen Stoff man die ungewaschene Haut sehen konnte. Mein Blick fiel auf meine schmutzigen, schwieligen Füße. Mein langes schwarzes Haar war verfilzt, und ich schwitzte unter dem Gewicht der Ketten.
“Eine Frau? Der nächste Todeskandidat ist eine Frau?” Seine Stimme klang eisig. Bei dem Wort “Todeskandidat” begann ich zu zittern und verlor die Fassung. Ohne die Wächter an meiner Seite wäre ich schluchzend zu Boden gesunken. Doch sie folterten jeden, der nur das geringste Anzeichen von Schwäche zeigte, also riss ich mich zusammen.
Der Mann zupfte an seinen schwarzen Haarlocken. “Ich hätte mir Zeit nehmen sollen, deine Akte noch einmal zu lesen.” Mit einer Handbewegung bedeutete er den  Wächtern, sich zu entfernen. “Ihr könnt gehen.”
Nachdem sie verschwunden waren, deutete er auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Die Ketten klirrten, als ich auf der Kante Platz nahm.
Er öffnete einen Ordner, der auf seinem Tisch lag, und überflog die Seiten. “Yelena, heute könnte dein Glückstag sein”, sagte er.
Ich schluckte eine sarkastische Antwort hinunter. Eine wichtige Lektion hatte ich während meiner Gefangenschaft im Kerker gelernt: Man sollte nie Widerworte geben. Stattdessen senkte ich den Kopf und vermied es, meinem Gegenüber in die Augen zu sehen.
Der Mann schwieg eine Weile. “Gut erzogen und respektvoll. Du siehst mir ganz nach einer geeigneten Kandidatin aus.”
Trotz des Durcheinanders im Raum herrschte Ordnung auf seinem Schreibtisch. Neben meiner Akte und einigen Schreibwerkzeugen standen nur noch zwei kleine schwarze, mit glänzenden Silberstreifen durchzogene Figuren auf der Schreibtischplatte – zwei naturgetreu geschnitzte Panther.
“Man hat dir den Prozess gemacht und dich für schuldig befunden, General Brazells einzigen Sohn Reyad ermordet zu haben.” Er schwieg und rieb sich mit dem Finger über die Schläfe. “Deshalb also hält sich Brazell in dieser Woche hier auf und ist so interessiert an den Hinrichtungen, die für die nächsten Tage vorgesehen sind.” Der Mann redete mehr zu sich selbst als mit mir.
Beim Klang von Brazells Namen legte sich die Angst wie ein Panzer um meine Brust. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich schon bald unerreichbar für ihn sein würde.
Die Militärregierung hatte erst vor einer Generation die Herrschaft in Ixia übernommen, und die Justiz hatte strenge Regeln erlassen, die im Neuen Gesetzbuch niedergelegt waren. In Friedenszeiten – die, seltsam genug für eine Militärregierung, die meiste Zeit über herrschten – war es nicht erlaubt, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Auf Mord stand Hinrichtung. Selbstverteidigung oder Totschlag wurden als Entschuldigung nicht anerkannt. Wenn jemand als schuldig verurteilt war, wurde der Mörder in die Verliese des Commanders gesteckt und musste dort auf seine öffentliche Hinrichtung – Tod durch den Strang – warten.
“Ich nehme an, du wirst das Urteil anfechten und behaupten, das Opfer einer Intrige geworden zu sein oder dass es Selbstverteidigung war.” Gelangweilt lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.
“Nein, Sir”, flüsterte ich. Mehr gaben meine ungeübten Stimmbänder nicht her. “Ich habe ihn ermordet.”
Der schwarzgekleidete Mann richtete sich auf und musterte mich mit einem durchdringenden Blick. Dann lachte er laut auf. “Das klappt ja besser, als ich dachte! Yelena, ich lasse dir die Wahl. Du kannst entscheiden, ob du hingerichtet oder die neue Vorkosterin von Commander Ambrose werden möchtest. Sein letzter Vorkoster ist kürzlich gestorben, und wir müssen die Position neu besetzen.”
Entgeistert starrte ich ihn an, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Das musste ein Witz sein. Bestimmt machte er sich nur lustig über mich. Erst weideten sie sich an der Freude und der Hoffnung im Gesicht eines Gefangenen, und dann machten sie all seine Erwartungen zunichte, indem sie ihm dem Henker übergaben.
Trotzdem ging ich auf das Spiel ein. “Nur ein Narr würde ein solches Angebot ausschlagen.” Meine Stimme war zwar immer noch heiser, aber wenigstens ein wenig fester geworden.
“Nun, es ist eine Stellung auf Lebenszeit. Die Ausbildung kann tödlich sein. Denn woher willst du wissen, ob Gift in den Speisen des Commanders ist, wenn du nicht einmal weißt, wie es schmeckt?” Er legte die Dokumente in den Aktenordner zurück.
“Du bekommst ein Schlafzimmer innerhalb der Burg, aber die meiste Zeit des Tages verbringst du ohnehin an der Seite des Commanders. Freie Tage gibt es nicht. Auch keinen Ehemann und keine Kinder. Einige Gefangene haben sich allerdings für die Hinrichtung entschieden. Auf diese Weise kannten sie wenigstens den genauen Zeitpunkt ihres Todes und mussten nicht befürchten, ihm beim nächsten Bissen zu begegnen.” Er schnalzte mit der Zunge und lächelte boshaft.
Offenbar meinte er es tatsächlich ernst. Ich bebte am ganzen Körper. Das war meine Chance zu überleben. Dem Commander zu dienen war allemal besser als der Kerker – und tausend Mal besser als der Strick. Dutzende von Fragen schossen mir durch den Kopf: Ich bin eine verurteilte Mörderin. Wie können sie mir vertrauen? Was sollte mich davon abhalten, den Commander zu töten oder zu fliehen?
Stattdessen erkundigte ich mich: “Wer ist denn im Moment der Vorkoster?” Ich befürchtete nämlich, dass er seine Meinung ändern und mich zum Galgen schicken würde, hätte ich die Fragen gestellt, die mir wirklich auf dem Herzen lagen.
“Ich. Deshalb bin ich ja so sehr daran interessiert, einen Nachfolger zu finden. Außerdem schreibt das Neue Gesetzbuch vor, dass demjenigen, der sein Leben verwirkt hat, die Position angeboten werden muss.”
Ich konnte nicht länger ruhig auf meinem Stuhl sitzen. Meine Ketten klirrten, als ich aufsprang und begann, im Raum hin und her zu gehen. Auf den Karten an den Wänden waren strategisch wichtige Militärstützpunkte verzeichnet. Die Bücher handelten von Sicherheits- und Spionagetechniken. Die vielen Kerzen, von denen manche schon heruntergebrannt waren, deuteten darauf hin, dass hier bis spät in die Nacht gearbeitet wurde.
Ich betrachtete den Mann, der die Uniform eines Ratgebers trug. Er musste Valek sein, der persönliche Sicherheitsberater des Commanders und Chef des weit verzweigten Geheimdienstnetzes von Ixia.
“Was also soll ich dem Henker sagen?”, wollte Valek wissen.
“Dass ich keine Närrin bin.”