Die Zauberin von Lladrana

von Robin D. Owens

Cover Zauberin/Lladrana

 

Das Böse hat überall in Lladrana seine grausamen Spuren hinterlassen. Auch die Eltern von Jaquar Dumont, einem der mächtigen Zauberer Lladranas, sind ihm zum Opfer gefallen. Nur ein Erdenmensch kann jetzt noch helfen, den Planeten Amee zu schützen. Die ruhige Studentin Marian Harastas wird von den Zirklern des Turmes nach Lladrana gerufen. Jaquard plant, sie in ihr Verderben zu schicken, um das Nest des Bösen auszurotten. Marian lernt schnell, ihre magischen Kräfte zu benutzen, und steigt bald in den Rang einer Zauberin auf. Als der Tag kommt, an dem Marian in das Zentrum des Grauens reisen soll, merkt Jaquard, dass er sie nicht opfern kann. Aber er kommt zu spät. Als sich Marian kurz darauf die Möglichkeit bietet, in ihre Welt zurückzukehren, hält sie nichts mehr auf. Doch auf der Erde stellt sie fest, dass sie mehr mit Lladrana verbindet, als sie dachte. Wird sie einen Weg zurück finden?

Leseprobe:

1. KAPITEL

Boulder, Colorado
Später Frühling, früher Morgen

Sie rannte, rannte, rannte. Marian wünschte, die Gänge wären schmaler, gewundener, denn das Ding, das sie verfolgte, war riesengroß und lebensgefährlich. Mit jedem Atemzug brannte faulige Luft in ihren Lungen. Von den Wänden der Höhle tropfte Schleim.
Sie stolperte und presste die Plastikkugel, in der sich ihr Hamster befand, fest an sich. Ihr Blick fiel auf ihre Laufschuhe, und mit Schrecken sah sie, dass die Schuhbänder aufgegangen waren. Sie band sie immer in perfekten Doppelschleifen.
Eine Erschütterung traf ihren Rücken. Der Atem des Monsters. Sie hatte Seitenstiche, aber sie konnte ihre Angst benutzen, um ein letztes Mal an Geschwindigkeit zuzulegen und zu einer schmalen Treppe zu sprinten, die nach oben führte. Die Luft, die ihre Nasenlöcher traf, war frischer und roch nach Blut statt nach giftiger Säure. Sie kletterte nach oben und hatte das Gefühl, dass das Ding hinter ihr auch die Treppe hinaufgleiten konnte. Es wollte ihr Blut, ihre Eingeweide, ihr Gehirn. Sie taumelte den Gang entlang, stieß auf beiden Seiten gegen Wände und schürfte sich die Haut auf, beschützte ihr Haustier, sprang die Treppen hinauf und hinaus auf einen breiten Felsvorsprung. Mit einer Beweglichkeit, die sie von sich nicht kannte, drehte sie sich zur Seite, vermied den Abgrund und lehnte sich gegen die Klippenwand. Als sie die kühle Nachtluft tief einatmete spürte sie, wie das Ding an ihr vorbeistrich und mit einem Schrei in den Abgrund fiel.
Sie konnte nicht anders als ihm hinterherzusehen und erblickte etwas viel Schlimmeres als den riesigen, zerschmetterten Körper des Monsters, das sie verfolgt hatte. Ihr jüngerer Bruder, Andrew, war umgeben von Druiden in schwarzen Roben, die wie der Tod persönlich aussahen. Einige der Druiden hielten Sensen, einige Gongs, andere Windspiele.
Andrew lag lang ausgestreckt da und war blasser, als sie ihn je gesehen hatte.
“Neeeeeein!”, schrie sie, legte den Ball mit dem Hamster zwischen ihre Füße und hob die Arme, als könne sie einen Donner beschwören, der sein Herz wieder zum Schlagen brachte, sein Blut zum Fließen, einen Blitz, der seine Seele in seinem Körper halten und den Lebensfunken wieder entzünden konnte.
Neben ihr erklang ein feuchtes Lachen, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Langsam drehte sie den Kopf und sah eine verhüllte Gestalt mit rot glühenden Augen neben sich. Das Gesicht war nicht ganz menschlich, aber vielleicht war es das vor langer Zeit einmal gewesen. Es öffnete den Mund, weiter und immer weiter, als wolle es sie ganz verschlucken. Die Gestalt hob die Hände, aus ihren Fingerspitzen schoss blaues Feuer in hohem Bogen …

Schweißüberströmt schreckte Marian Harasta aus ihrem Traum auf. Morgenlicht schien durch die hohen Fenster ihrer Wohnung mit Garten, und sie atmete erleichtert auf.
Das Glockenspiel erklang, kräuselte sich durch ihre Nerven und hallte in ihrem Geist wider. Dann schallte der Gong, und ihr Körper wölbte sich vom Bett. Ein feiner Nebel verschleierte ihren Blick, und ein entferntes Singen rauschte in ihren Ohren. Für einen langen Moment hielt sie den Rücken gebogen, dann fiel sie schwer atmend zurück auf die Matratze.
Erst der Albtraum. Dann die Geräusche. Die ganzen letzten Monate hatten Träume und eingebildete Geräusche ihr Leben begleitet – im Schlaf und auch im Wachzustand. Sie beruhigte sich, indem sie regelmäßig atmete. Sie würde schon herausfinden, was mit ihr geschah. Erst letzte Woche hatte sie sich einer Ganzkörperuntersuchung unterzogen und auch einer psychologischen Auswertung. Es ging ihr blendend.
Die Merkwürdigkeiten hatten mit Geräuschen angefangen, dann waren die Träume gekommen und schließlich ein kribbeliges Gefühl, als sei sie ein Schmetterling, der aus seinem engen Kokon ausbrach und bereit war, seine Flügel auszubreiten. Es machte ihr Angst, denn ihre wissenschaftliche Karriere lief gut, und sie hatte ihr Leben unter Kontrolle. Bis auf Andrew, ihren Halbbruder, der unter Multipler Sklerose litt.
Das Telefon klingelte. Sie befreite sich von ihren Decken und stolperte aus dem Bett, dann schleppte sie sich bis zur Ladestation ihres Telefons auf der Küchentheke. Sie musste ein paarmal blinzeln, ehe sie das Display erkennen konnte. Ihre Mutter, Candace. Verdammt. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter lag außerhalb Marians Kontrolle. Sie ließ die Mailbox rangehen.
Marian wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ihres Flanellnachthemds ab und überlegte sich Möglichkeiten, ihr Problem erst zu verstehen und dann zu lösen. Sie konnte es nicht mit ihren Professoren für vergleichende Religionswissenschaft und Philosophie besprechen und auch nicht mit dem Betreuer ihrer Dissertation. Ihre Universitätsprofessoren würden sie nicht verstehen. Sie wollte auch nicht, dass ihr makelloser Ruf durch irgendwelche Merkwürdigkeiten befleckt wurde, schließlich bereitete sie sich auf eine wissenschaftliche Karriere vor.
Da das Problem weder körperlich noch psychologisch war, hatte sie übersinnliche Phänomene in Betracht gezogen. Das spirituell gesehen Andere hatte sie schon immer fasziniert, also würde sie vielleicht dort eine Lösung finden.
Sie hatte sich alle Notizen von allen Kursen, die sie außerhalb der Universität belegt hatte, auf der Suche nach Antworten durchgelesen – New-Age-Kurse, die ihren Wissensdurst gestillt hatten. Irgendwo gab es eine Erklärung für das, was sie quälte, und sie würde sie finden.
Auf dem Weg ins Badezimmer sah sie nach ihrem Hamster Tuck, der zusammengerollt in seinem Käfig in der Wandnische schlief. Eine halb abgenagte Karotte lag in Reichweite seiner Pfote. In seiner kleinen Welt war alles in Ordnung.
Marian konnte nur hoffen, dass es bei ihr genauso war. Sie arbeitete hart dafür, ihr Leben in Ordnung zu halten, und normalerweise gelang es ihr auch, aber in letzter Zeit …
Während der heiße Strahl der Dusche den Schweiß der Nacht davonspülte beschloss Marian, Golden Raven anzurufen. Sie neigte eher zum Glauben der amerikanischen Ureinwohner, als Marian es tat, aber sie war aufgeschlossener als die meisten und würde ihr zuhören, ohne sie zu verurteilen. Vielleicht kannte sie Fälle, die ihrem ähnlich waren. Das wäre ein guter erster Schritt, um die Merkwürdigkeiten in ihrem Leben unter Kontrolle zu bekommen.
“Ja”, murmelte sie, als sie sich für ihren Aushilfsjob an der Fakultät fertig machte, “ich brauche Golden Raven.” Sie ging zum Telefon. Sollte sie Golden Raven oder Candace anrufen? Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es für Golden Raven wahrscheinlich noch zu früh war. Wenn Marian Candace nicht zurückrief, würde sich deren Laune ins Unerträgliche verschlechtern, und ihre Forderungen würden immer größer werden. Also atmete Marian einmal tief ein und rief in der Residenz von Candaces sechstem Ehemann an, ein Herrenhaus in einem der alten, besser angesehenen Bezirke von Denver.
Candace’ Ton war spitz. “Marian, gut, dass du anrufst.” Im Hintergrund konnte man das Rascheln von Papier hören. Da Candace nicht sofort anfing, einen Monolog zu halten, konnte Marian sich denken, dass ihre Mutter versuchte, mehrere Dinge auf einmal zu erledigen. Wunderbar. Vielleicht konnten sie ein einziges Gespräch führen, ohne sich gegenseitig wehzutun.
“Was willst du, Mutter?”, fragte Marian.
“Hmm? Oh ja, Marian. Du musst morgen Abend nach Denver kommen, Freitag, 19.30 Uhr, für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Cocktails und Dinner.”
“Warum, Mutter?” Marian ging ganz in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auf und war noch nie die Art Mensch gewesen, die den Status ihrer Mutter hatte heben können. Zum Glück.
Candace seufzte verärgert. “Trenton Philbert III hat vor einem Monat wieder geheiratet. Eine Frau, die einen der größten Esoterikläden in Denver leitet. Warum er so eine Kreatur geheiratet hat, weiß niemand. Ich habe gerade erfahren, dass er und seine neue Frau an unserer Veranstaltung teilnehmen werden. Trenton ist vernarrt in sie, und seine Spende ist wichtig, damit wir unser Ziel erreichen.”
Aha, also beteiligten sich mehrere Städte an der Spendensammlung, und Candace wollte beweisen, dass sie die Beste war.
Ihre Mutter fuhr fort: “Also brauche ich dich, um seine Frau und damit ihn glücklich zu machen.”
Statt die Frau anzufallen wie ein Barrakuda.
“Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand irgendetwas mit ihr zu besprechen hätte.” Candace Stimme klang immer noch nach Kreatur. “Und dann habe ich natürlich an dich gedacht. Mit deiner … Erfahrung auf dem Gebiet.”
Es klang so, als würde Marian jeden Abend an Seancen und Geisterbeschwörungen teilnehmen.
Vielleicht war es gar nicht so schlecht, wieder mit der New-Age-Szene in Denver Verbindung aufzunehmen. Ein wenig konnte sich Marian sogar davon überzeugen, dass ihre Anwesenheit für die unbekannte Frau von Vorteil wäre. Außerdem gab es einige nette Leute in der Gesellschaft von Denver, die Marian gerne wiedersehen würde. Schade, dass ihre Mutter nicht dazugehörte. Aber trotz ihrer Methoden war Candace großartig, wenn es darum ging, Geld zu sammeln.
“Ich glaube nicht, Mutter.”
“Ich kann dafür sorgen, dass es die Mühe wert ist”, fuhr Candace fort.
Marian wartete auf die Bestechung. Manchmal funktionierten Bestechungen. Marian musste sich erst ein genaueres Bild von den Umständen machen, ehe sie sagen konnte, ob es sie überzeugen würde, was Candace anzubieten hatte.
“Ich weiß, dass du zu viel lernst. Der Rest von deinem Collegefond würde dir das Leben um einiges einfacher machen.”
Wenn es nach Candace ging, lernte Marian immer zu viel. Candace verstand nicht, dass Lernen auch Spaß machen konnte. Auch wenn sie begriff, dass Wissen Macht war, zumindest wenn es darum ging, durch das gezielte Einsetzen von Geheimnissen die Gesellschaft von Denver gegeneinander auszuspielen.
“Marian, kannst du mich hören? Ich habe gesagt, ich könnte dir den Rest deines Collegefonds überschreiben.”
Gutes Bestechungsgeld, und wenn Bestechen nicht funktionierte, griff Candace zu “der Drohung”: Heutzutage drohte sie, den Collegefond nicht auszuzahlen, früher ging es um Andrews Fürsorge. Er war vierundzwanzig, vier Jahre jünger als Marian. Sie versuchte sich um ihn zu kümmern, da Candace sich nicht für ihren Sohn interessierte.
“Ich werde darüber nachdenken”, sagte Marian.
“Ich brauche eine feste Zusage”, schnappte Candace, “ich werde Andrew anrufen. Es wird ihm zwar etwas Mühe bereiten, aber vielleicht kann er ja kommen.”
“Nein, Mutter, ich will nicht, dass du Andrew belästigst.”
Candace beachtete sie nicht. “Natürlich wird er kommen. Der Wohltätigkeitsverein gibt viel Geld an den Multiple-Sklerose-Fond von Colorado. Das ist mein Vorteil, wenn es darum geht, den Vorsitz für diese Sammlung zu übernehmen – der arme Andrew, der an MS leidet, und das schon in so jungen Jahren.”
Vor Wut konnte Marian nicht mehr klar sehen, ein roter Schleier legte sich über ihre Augen. Zum Glück war das Telefon von guter Qualität, ansonsten wäre es unter ihrem festen Griff in tausend Stücke gesprungen. Wie konnte Candace nur so über ihren eigenen Sohn denken …
“Andrew ist ein Mensch mit einer schweren Krankheit. Mach aus ihm kein Opfer.”
Candace schnaubte abfällig. “Glaub, was du willst. Jedenfalls was die Wohltätigkeitsveranstaltung angeht, sag mir, ob wir gutes Wetter haben werden.”
Marian spürte, wie Hitze ihren Nacken hochkroch. Sie hatte schon immer einen Wettersinn gehabt. Sie verlagerte ihr Gewicht, spürte ihre Verbindung zu Mutter Erde, ein Grund dafür, dass sie ihr Apartment im Erdgeschoss so liebte. “Klar und kühl”, sagte sie.
“Gut. Dann wird dir die Fahrt von Boulder hierher keine Schwierigkeiten bereiten.”
Marian rieb sich ihre Stirn, als sie sagte: “Ich werde da sein.”
“Das dachte ich mir. Und bring diesen wunderbaren Professor Wilse mit.”
Marian schüttelte sich bei dem Gedanken an Jack Wilse. Fehler. Sie verehrte seinen Körper, aber seine Werte verachtete sie. Er hatte sie manipuliert und benutzt, ehe ihr Verstand ihre Hormone unter Kontrolle bringen konnte. Jetzt war es ihr unbegreiflich, dass sie eine kurze Affäre mit ihm gehabt hatte. “Er wird mich sicher nicht begleiten.”
“Marian, du kannst nicht allein kommen! Wie wird das aussehen? Und wo wir von Aussehen reden – du hast doch die Mitgliedschaft im Fitnessstudio, die ich dir geschenkt habe, damit du deine Speckpolster loswirst, auch benutzt?”
“Mein Gewicht ist meine Sache.” Candace würde mit ihren Kommentaren dazu trotzdem nicht aufhören. “Und ich werde allein kommen – oder gar nicht. Wenn du mich dabeihaben willst, dann sorg dafür, dass der Rest meines Collegefonds auf mein Konto überwiesen wird, und schreib mir eine E-Mail, wenn es so weit ist.” Marian legte auf.
Fehler. Sie hatte zugelassen, dass ihre Mutter sie manipulierte. Würde sie es denn nie lernen? Aber diesmal hatte sie wenigstens den Rest ihres Collegefonds bekommen. Mit kalten Fingern griff sie nach ihrem Terminkalender und blätterte bis zum Ende, wo sie ihren Fünfjahresplan aufgelistet hatte. Sie trug das Datum vom kommenden Freitag als den Tag ein, an dem sie das Geld erhalten würde, das sie von ihrer Mutter unabhängig machte und sie ganz auf ihren Karriereweg bringen würde. Vor dem Zeitplan, aber auf dem richtigen Weg. Sie würde nichts und niemandem – vor allem nicht ihrer Mutter – noch einmal erlauben, sie zu kontrollieren. Ihre eigenen Fehler mochten schlimm sein, aber es waren ihre. Und sie konnte daraus lernen.
Sie fühlte sich, als sei sie gestochen worden, und Gift breitete sich in ihrem Körper aus. Wie schon so oft in ihrem Leben. Das konnte schon vorkommen, wenn man von einem noch nicht ganz entfalteten Skorpion aufgezogen wurde.
Schlecht gelaunt stapfte Marian durch ihr Wohnzimmer. Ein Buch fiel aus der mit Bücherregalen zugestellten Wand auf den Boden. Auf dem zweiten Regal, dort, wo sie ihre Bücher über Wiccanismus ordentlich nach Autor sortiert aufgestellt hatte, klaffte eine breite Lücke.
Sie schluckte. Noch bevor sie das Buch aufhob, wusste sie, welches es war: Eigene Rituale erstellen von einer angesehenen Wicca. Es war schon das dritte Mal diese Woche, dass es aus dem Regal fiel.
Wie immer öffneten sich die steifen Seiten bei einem Vollmondritual. Ihr Puls beschleunigte sich, sie fühlte Beklemmung. Sie schloss die Augen, und hinter ihren Augenlidern wirbelten Farben, gefolgt von dem Bild Andrews aus ihrem Albtraum.
Sie schlug die Augen wieder auf. Ihre Brust schnürte sich zusammen. Alle zufälligen Zeichen in letzter Zeit wiesen darauf hin, dass sie ein Vollmondritual abhalten sollte. Marian warf einen Blick auf den Mondkalender, den sie in einem Rahmen an der Wand hängen hatte. Vollmond war morgen, Freitag – in derselben Nacht, für die sie zugesagt hatte, an Candaces Wohltätigkeitsfest teilzunehmen.
Es klopfte an der Tür, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie zog den Vorhang, der über das kleine Fenster in ihrer Apartmenttür gehängt war, zur Seite und warf einen Blick hinaus. Golden Raven stand auf der Schwelle. Sie lächelte so breit, dass sich kleine Fältchen um ihre Augen und ihren Mund zeigten. Hinter ihr stand ein alter Lieferwagen, vollgestopft mit Kartons, bereit für eine lange Reise.
Mit einem Seufzen öffnete Marian die Tür.
“Ich habe gehört, dass du mich gerufen hast”, sagte Golden Raven.

Jaquars Turm, Zaubererinsel Mue, im Osten von Lladrana
Später Frühling, am gleichen Morgen

Jaquar stand nackt vor der Wandnische, in der er seine magischen Utensilien aufbewahrte, und ließ seinen Blick durch das runde Ritualzimmer seines Turms wandern. Ein leichter blaugrüner Dampf waberte um die Linien eines Pentagramms, das in den Steinfußboden eingemeißelt war. Seine Schultern verspannten sich bei dem Gedanken daran, zwischen den Ebenen zu reisen – seinen Körper zurückzulassen, um nur in seinem Astralleib durch die verschiedenen Ebenen des Daseins zu wandern. Er war ein Zirkler – der höchste Rang der Magier – der Wetterbeherrschung und Ebenenwanderung, aber in den letzten drei Wochen hatte er sich ganz auf die letzte Kunst konzentriert.
Um den Moment herauszuzögern, da er in den erweiterten Spiegel blicken musste, der letzte Schritt vor dem Ritual, drehte er sich noch einmal zu seiner Arbeitsfläche und legte seine Hand auf die aufgeschlagenen Seiten eines riesigen Buches.
Er hatte das Buch selbst gemacht. Jede Seite war eine nicht körperliche Ebene, die er bereist hatte. Die Seiten waren genau so angeordnet wie die Ebenen selbst. Ein Wesen existierte auf vielen Ebenen, aber ein guter Ebenenwanderer wie er selbst konnte sich von seinem Körper lösen und eine Ebene zur Zeit untersuchen.
Die aufgeschlagene Seite zeigte die Ebene, die er besuchen wollte. Eine Ebene kochender, tiefer Emotionen – nur böse Emotionen. Eine Ebene für Monster, nicht für Menschen. Aber er wollte ein Monster verfolgen. Das Monster, das drei Wochen zuvor seine Adoptiveltern umgebracht hatte.
Ein Läuten erinnerte ihn, dass das Ritual in der nächsten halben Stunde begonnen werden sollte. Jaquar atmete tief ein und trat zum linken Ende der niedrigen Wandnische. Dort öffnete er den dreiteiligen Spiegel. Um sicherzugehen, dass er sich in den Ebenen nicht verlor, musste er sich selbst kennen, und dafür benutzte er den Spiegel.
Er betrachtete seine körperliche Erscheinung. Er war größer als der Durchschnittslladranier und hatte sich mit dem Alter gut ausgefüllt. Sein starker Körper erinnerte nicht mehr an den verlassenen Straßenjungen, den Simone und Torrence Dumont gefunden und aufgezogen hatten. Aber die schreckliche innere Leere des Jungen, bevor er sie kennengelernt hatte, hielt wieder Einzug. Er hatte einmal geglaubt, dass er sich nie wieder so verlassen fühlen würde.
Sein Körper zeigte einige Narben aus Kindertagen. Seine Augen hatten immer noch das verhasste Tiefblau, das ihn in einer braunäugigen Kultur zu einer Besonderheit machte. Einer seiner Vorfahren war kein Lladranier gewesen.
Seit seine Adoptiveltern ums Leben gekommen waren, hatte er an Gewicht verloren, aber nicht so viel, dass es seine Stärke beeinträchtigte. Sein schwarzes Haar fiel ihm schlaff auf die Schultern und sah nicht so glänzend aus, wie es sollte. Die silbernen Strähnen an seinen Schläfen, Zeichen seiner Macht, hatten sich in den vergangenen Wochen, in denen er nach dem Bösen suchte, das seine Mutter und seinen Vater umgebracht hatte, waren deutlich mehr geworden. Beide waren mächtige Zirkler gewesen, doch der Schrecken hatte ihnen Macht und Leben vollständig ausgesaugt.
Auf seiner Jagd nach dem Mörder waren Jaquars Macht und magische Weisheit gewachsen, und er hatte neue Ebenen entdeckt, die im Kampf gegen das Böse, das in Lladrana einfiel, von großem Wert sein würden.
Die nördliche magische Grenze von Lladrana hatte versagt, große Lücken waren entstanden, durch die furchtbare, böse Kreaturen ins Land eindringen und das Volk angreifen konnten. Zuerst kamen die kleineren Schrecken, wie die gepanzerten Snipper. Dann griffen die größeren Monster in Gruppen an – Reißer und Würger und Seelensauger. Und der Sangvile. Zur gleichen Zeit hatten die Frinkwürmer angefangen, mit dem Regen zu fallen, sogar auf den Inseln der Turmgemeinschaft.
Die Schrecken hatten nie Coquille, die Stadt der Zauberer an der Küste, in der seine Eltern wohnten, erreicht. Bis Jaquar den Sangvile dorthin geführt hatte. Er war dem Ruf der Marschälle nach einem Zauberer gefolgt, hatte ihnen Informationen gegeben und sie dann wieder verlassen. Der Sangvile hatte sich an das fliegende Pferd, das er von der Burg zum Haus seiner Eltern geritten hatte, geheftet. Ohne es zu wissen, hatte Jaquar das tödliche Ding dort gelassen. Erst vor zwei Wochen war der Schlüssel zum Reparieren der magischen Grenzen gefunden worden – zu spät für seine Eltern.
Er begegnete seinem eigenen leeren Blick im Spiegel. “Verstand”, sagte Jaquar. Das Spiegelbild änderte sich, und er konnte das weiße Flimmern seines Verstandes als Wellen starker Energie sehen. Der Rhythmus seiner Energie war gut. Sein Verstand war klar.
“Magie”, befahl er. Der Spiegel zeigte ihm seine Macht, die in bunten Strahlen aus seinem Körper leuchtete. Die Lladranier bewerteten Magie normalerweise nach ihren Tönen und Melodien, aber der Spiegel zeigte sie in bunten Farben. Keine Lücken, keine schwarzen Streifen. Seine Macht war nie größer gewesen. Gut.
Jaquar zögerte. “Emotion”, flüsterte er und sah seinen Körper eingehüllt in Trauer. Wut und Rache glühten rot in seinen Augen und in seinem Herzen. Nicht gut. Aber er reiste nicht zu einer Ebene, die leichtere, erhebende Gefühle erforderte.
Er würde die hässliche, tiefe Ebene leicht finden können, sich anpassen und sie begehen.
“Geist”, sagte er. Wieder die Dunkelheit, die die goldene Aura um seinen Körper fast erstickte. Unregelmäßige Zacken deuteten an, wie seine spirituelle Gesundheit schwankte. Wenn er den Sangvile zerstört hätte, würde er vielleicht bei der Sängerin vorsprechen und um eine persönliche Gesangsuche bitten. Eine Gesangsuche würde ihm zeigen, wie er am besten mit seiner Trauer und seiner Schuld umgehen konnte. Später.
“Körper.” Dort stand er wieder, mit angespanntem Gesicht. Er hatte sich verändert, seit seine Adoptiveltern gestorben waren. Er erinnerte sich daran, wie er sich das letzte Mal von ihnen verabschiedet hatte. Nicht einmal einen Monat war das her. Eltern hätten sie ihn berichtigt, nicht “Adoptiveltern”. Damit hätten sie recht gehabt, wie mit so vielen Dingen. Auch wenn sie ihn nicht geboren hatten, sondern, als er acht war, von der Straße aufgelesen, waren sie seine Eltern gewesen.
Seine letzte Erinnerung an sie war, dass sie über irgendeinen Witz lachten, den sein Vater erzählte, kurz bevor Jaquar ihr Haus verlassen hatte. Sie waren eingerahmt in das goldene Licht, das durch die Tür ihres Hauses fiel. Seine Mutter mit ihrem runden Gesicht und ihrem runden Körper lehnte sich gegen seinen Vater, und eine Aura der Liebe ging von ihr aus …
Nur einen Moment zuvor hatte ihr süßer Atem seine Wange gestreichelt, als sie ihn zum Abschied küsste. Ihr Geruch hüllte ihn ein – der blumige Kräutergeruch, der ihm ein Trost war, seit sie ihn als ihr eigen angenommen hatte.
Sein Vater hatte ihn fest umarmt, wie immer, und Jaquar hatte die Stärke von Körper und Macht gespürt, die für ihn immer Liebe und Sicherheit bedeutet hatten.
Nicht mehr. Nie. Wegen ihm.
Er hatte das Monster, das sie ermorden sollte, zu ihnen geführt. Der seltsame Junge, den sie von der Straße aufgelesen hatten, hatte ihnen schließlich den Tod gebracht, lange bevor es an der Zeit gewesen war.
“Aus.” Sein Bild verschwand langsam, und er war froh darüber.
Ohne Eile ging er zu seinem Pentagramm, schloss den Kreis mit einem gesummten Ton und ließ sich auf einer Pritsche in der Mitte nieder, wo er mit seiner Suche nach dem Mörder seiner Eltern begann, damit er ihn zerstören konnte. Er sang.
Als er den Zaubergesang beendet hatte, löste sich sein Astralleib mit sanftem Druck und einem leisen Popp aus seinem Körper. Er fühlte sich leicht und frei, als er über seiner festen Form schwebte.
Er blieb auf der gleichen körperlichen Ebene und schwebte über seinen Turm und seine Insel, um sich zu orientieren und zu verankern. Nach altem Brauch war sein Zirklerturm der einzige auf der Insel, und die Insel selbst war sehr klein. Die meisten Zirkler lebten auf eigenen Inseln im Meer Brisay, östlich von Lladrana. Er hatte eine Insel gewollt, die nur wenige Meilen von Coquille entfernt war, damit er seine Eltern oft besuchen konnte.
Auf der körperlichen Ebene hatte der Sangvile zwei Formen: ein schwarzes Spinnennetz und eine menschengleiche dunkle Energie. Seine elementaren, bösen Gefühle waren die eines blutrünstigen Raubtieres. So stark, wie er jetzt war, konnte seine Spinnenform ein ganzes Haus bedecken. Als Mann würde er ein Riese sein.
Das Monster hatte den Schmerz und die Angst, die es verursache, genossen, hatte in hinterhältiger Freude gelacht, als es sich an den Zirklern und ihrer Macht labte.
Diese schmutzigen Gefühle waren durch mehrere Ebenen gedrungen und hatten Jaquar zu ihm geführt. Er hatte den Schrecken zu spät gefunden, um ihn festzuhalten, anzuzünden und zuzusehen, wie er langsam verbrannte.
Unter ihm sah er seinen Turm, rund und aus rotem Stein mit einem flachen Dach und einer Galerie ringsherum. Die Insel Mue, die wie die stumpfe Spitze eines Bogens aussah, lag südwestlich von Coquille. Er schwebte noch höher, bis er fast alles von Lladrana sehen konnte, bis zu den felsigen Bergen, wo die Burg der Marschälle stand – in der Mitte von Lladrana, weit weg vom Ozean, nordöstlich von Coquille. Er zog an der Verbindung zwischen seinem Astralleib und seinem Körper. Sie war fest.
Dann wanderte er zwischen den Ebenen auf der Suche nach dem Sangvile.
Er glitt an einigen Ebenen vorbei, die ihm bekannt waren, um die zu erreichen, zu der er wollte, und stimmte sich auf ihre einzigartige Schwingung ein. Nur auf dieser Ebene konnte er die scheußliche Energie des Sangvile ausfindig machen.
Dort war das Monster, das seine Eltern ermordet hatte. Und Jaquar sehnte sich mit aller Macht danach, den Sangvile zu zerstören. Hier war der Sangvile ein schwebender schwarzer Fleck.
Jaquar war wieder auf der Jagd. Auch wenn diese niedrige emotionale Ebene ein graues Nichts war, konnte er trüb die Beschaffenheit der körperlichen Ebene darunter spüren, dort, wo der Sangvile herumschlich. Hier war das Abbild des Sangvile der schwarze Fleck, der sich nordwestlich von Lladrana bewegte. Jaquar folgte ihm.
Er konnte nichts sehen, und schlimmer noch, nichts hören. Die bedrückende Atmosphäre machte seine Gefühle nur noch mächtiger.
Der Sangvile bewegte sich. Alle bekannten Anhaltspunkte, alles, woran er sich orientieren konnte, war verschwunden. Der Sangvile war weit hinter den Grenzen von Lladrana, er flog nach Norden, um der Dunkelheit seine Macht, seine Magie und seine Informationen zu überbringen.
Jaquars Astralleib folgte ihm. Als ein Geistschatten hatte er keine Augen, um zu weinen, keine Stimme, um seinen Schmerz herauszuschreien. Die Gefühle, die ihm die Kraft und den Verstand gaben, das Monster zu finden, trieben ihn an, machten ihn zur fleischgewordenen Rache. Er würde den Diener umbringen und den Meister zerstören. Kein Preis würde zu hoch dafür sein.
Das Ding zögerte in seinem Flug und schlug dann mit einem langen schwarzen Tentakel um sich. Jaquar duckte sich und zog sich zurück. Konnte es ihn spüren? Fühlen, dass etwas hinter ihm her war, so räuberisch wie es selbst und so unbarmherzig?
Es versammelte sich zu einem langen schwarzen Blitz und beschleunigte sein Tempo. Das Monster war nahe seinem … Nest?
Vor ihm änderte sich das Grau der ätherischen Ebene. In der Ferne erschien ein schwarzer Punkt. Jaquar konnte etwas spüren, das riesig war und böse und pulsierte.