Erinnerungen der Nacht
von Maggie Shayne
Seit Ewigkeiten schon begehrt die schöne Rhiannon – einst geboren als Tochter eines ägyptischen Pharaos – den Franzosen Roland de Courtemanche. Doch seit sie ihn vor tausend Jahren zum Vampir machte, widersteht er all ihren Verführungsversuchen. Jedes Mal ist es, als würde er ihr einen Pfahl durchs Herz treiben … Da erfährt Rhiannon, dass ein gefährlicher Vampirjäger Roland und seinem Schützling Jamey auf den Fersen ist. Ein letztes Mal erlaubt es ihr Stolz, ihn in Frankreich aufzusuchen, um ihn zu warnen … Leseprobe:
Er glitt unter den überhängenden Dächern durch die gewundenen, schmalen Straßen hindurch wie ein Schatten. Er verabscheute es, hier zu sein, hier bei ihnen. Manche gingen so nahe an ihm vorbei, er hätte sie berühren können, wenn er einfach nur die Hand gehoben hätte. Er spürte ihre Körperwärme, sah ihren Atem in der kalten Nachtluft verdampfen. Er spürte das Blut unter ihrer Haut pulsieren, hörte den schnellen, gesunden Rhythmus ihrer Herzen. Er fühlte sich wie ein Wolf, der lautlos inmitten von ängstlichen Kaninchen herumschleicht. Mit seinen übernatürlichen Kräften hätte er jeden Einzelnen töten können, ohne sich anzustrengen. Ihm machte Angst, dass er genau dazu fähig wäre, sollte er dazu gezwungen werden.
Einen Moment trübten verschwommene Bilder aus fernster Vergangenheit seine Sicht. Staubschwangere Luft und der Geruch von Schweiß und Blut. Gefallene Männer wie Herbstlaub auf der feuchten braunen Erde. Donnernder Hufschlag, als Pferde ohne Reiter in alle Himmelsrichtungen flohen. Ein Mann, ein Knabe, um ehrlich zu ein, atmete noch. Der niedere Knappe in der schlecht sitzenden Rüstung saß hoch droben auf einem prachtvollen, rassigen Schlachtross. Das Pferd scharrte mit einem Vorderhuf auf dem Boden und schnaubte begierig nach mehr. Die einzige Antwort war Stille. Die Stille des Todes, die allgegenwärtig schien.
Der junge Roland sah das blutige Schwert, die scharlachroten Tränen, die langsam von seiner Spitze tropften. Als der rote Nebel der Raserei sich hob, ließ er die Waffe langsam fallen. Der Magen drehte sich ihm um, als er den Stahlhelm vom Kopf nahm, dann das Kettenhemd auszog und beides auf die Erde warf. Erschüttert betrachtete er das Gemetzel und verspürte in seiner Übelkeit nicht einmal Dankbarkeit dafür, dass ihre Gesichter von Helmen, ihre Verletzungen von Rüstungen verborgen wurden.
Der Knabe war nicht stolz auf das, was er getan hatte. Nein, nicht einmal später, als König Ludwig VII. ihn höchstpersönlich für seinen Heldenmut und seine Tapferkeit zum Ritter schlug. Er verspürte lediglich einen grimmigen und abstoßenden Ekel vor sich selbst.
Denn er hatte das Blutbad genossen.
Roland riss sich zusammen. Dies war nicht die Stunde für Erinnerungen oder Reue. Er rief sich ins Gedächtnis zurück, dass manche Menschen, auch wenn er sie mit Kaninchen verglich, zu einem Höchstmaß an Arglist und Verrat fähig waren. Das wusste er aus Erfahrung. Und wenn der Bericht, den er gerade aus den Staaten bekommen hatte, der Wahrheit entsprach, konnte einer dieser Menschen, der noch verräterischer als die anderen war, nur wenige Meter von ihm entfernt sein. Diese Möglichkeit hatte Roland, seiner selbst auferlegten Einsamkeit zum Trotz, heute Abend in das Dorf geführt.
Sein Plan war einfach. Er würde unerkannt durch die mittelalterlichen Straßen von L’Ombre gehen und ein Gasthaus namens “Le Requin” besuchen. Dort würde er Augen und Ohren aufsperren. Er würde ihre kaum verschleierten Gedanken lesen und den Eindringling finden, so es ihn denn wirklich gab. Und dann würde er sich seiner annehmen.
Der Nachtwind nahm zu und brachte den Geruch von spät blühenden und abgestorbenen Rosen mit sich, von frisch gemähtem Gras und Alkohol und Rauch hinter der Tür, der er sich gerade näherte. Er blieb stehen, als die Tür aufgerissen und der Geruch durchdringender wurde. Eine Gruppe angetrunkener Touristen stolperte heraus und an ihm vorbei. Roland wich zurück und wandte das Gesicht ab, doch das erwies sich als unnötige Vorsichtsmaßnahme. Sie beachteten ihn gar nicht.
Roland zog die Schultern hoch. Er fürchtete die Menschen nicht wie viele seiner Art. Er fürchtete mehr um sie, sollte er zu einer unerwünschten Begegnung gezwungen werden. Darüber hinaus schien es vernünftig, einen Kontakt zu vermeiden. Sollten die Menschen je erfahren, dass Vampire wirklich existierten, nicht nur in Legenden und Überlieferungen, wäre der Schaden nicht wiedergutzumachen. Frieden wäre unmöglich. Da war es schon besser, sich fernzuhalten, für diese ewig neugierigen Sterblichen ein Mythos zu bleiben.
Als die Tür wieder aufschwang, hielt Roland sie fest und trat hastig ein. Er machte einen Schritt zur Seite und studierte einen Moment die Umgebung. Niedrige runde Tische, ohne ersichtliche Ordnung aufgestellt. Leute drängten sich sitzend oder stehend daran, beugten sich darüber und plauderten belanglos. Die rauchschwangere Luft stand in Kopfhöhe, brannte in den Augen und schmerzte ihn in der Nase. Die Stimmen waren ein konstantes Hintergrundrauschen, in dem das Plätschern von Alkohol und das Klirren von Eis in Gläsern häufig Kontrapunkte bildeten.
Dann ertönte ihr Gelächter deutlicher als alles andere. Tief, heiser und ungehemmt scholl es durch die verrauchte Atmosphäre und schmeichelte seinem Trommelfell. Er ließ den Blick zur Quelle des Geräuschs schweifen, sah jedoch lediglich eine Gruppe Männer, die um Plätze an der Bar buhlten. Er konnte nur vermuten, dass sie den Mittelpunkt dieses Pulks bildete.
Unmöglich, dass er sich durch die Schar ihrer Bewunderer drängen würde. Roland wollte auf keinen Fall unnötige Aufmerksamkeit auf sich lenken. Und, noch weniger, seine zeitlose Bekanntschaft mit ihr erneuern, die langsame Folter wieder beginnen. Er unterdrückte den Wutausbruch beim Gedanken, dass einer der Menschen ihr so nahe kam, dass er sie berühren konnte. Das linkische Fummeln eines betrunkenen Sterblichen wollte er auf keinen Fall sehen. Er glaubte nicht, dass er dem Trottel für diesen Frevel das Genick brechen würde, aber er sollte die Grenzen seiner Beherrschung lieber nicht ausloten.
Er konnte allein durch Zuhören viel lernen, und das machte er jetzt, konzentrierte seinen Geist so sehr wie sein Gehör und fragte sich, welchen Namen sie heutzutage tragen würde. Denn auch wenn er auf eine Bestätigung aus war, hegte er keinen Zweifel an der Identität der Frau mit dem verführerischen Lachen. Überhaupt keinen Zweifel.
“Mach’s noch mal, Rhiannon!”
“Oui, chérie. ‘abt ihr Lust auf etwas Rock ‘n’ Roll?”
Ein Chor flehender Stimmen schwoll an, als sich die geschmeidige, dunkle Gestalt aus der Masse löste. Sie schüttelte den Kopf und ließ das so typische verhaltene Lächeln sehen. Sie bewegte sich so anmutig, dass es schien, als würde sie nicht auf dem Holzboden gehen, sondern darüberschweben. Der leicht ausgefranste Saum aus schwarzem Samt, der wenige Millimeter über dem Boden rauschte, verstärkte diese Illusion noch. Roland hatte keine Ahnung, wie sie die Beine überhaupt bewegen konnte, so eng wurden sie von der Mitte der Schienbeine an von dem Rock umhüllt. Der Stoff verbarg so wenig, sie hätte ebenso gut splitternackt vor ihren Bewunderern herumstolzieren können. Der Samt schien mit ihrem Körper verschmolzen zu sein, wölbte sich über den Hüften, schmiegte sich an die Taille, umfing ihre kleinen straffen Brüste wie gierige Hände. Ihre langen schlanken Arme waren bloß, abgesehen vom schmückenden Zierrat verschiedener Armreife und Bänder. Sie trug Ringe an den Fingern und hatte die langen spitzen Nägel blutrot gefärbt.
Roland ließ den Blick weiter aufwärts wandern, während sie den Raum durchquerte und seine Anwesenheit offenbar nicht registrierte. Das Oberteil des Kleides bestand lediglich aus zwei Streifen Samt, die im Nacken für Halt sorgten. Zwischen diesen Streifen leuchtete ihre Haut ätherisch blass und glatt. Seinen scharfen Augen entging nichts, weder die sanfte Rundung ihrer Brüste noch der zarte Umriss des Schlüsselbeins am Halsansatz. Um den Hals trug sie einen Onyxanhänger in Form einer Mondsichel. Dieser ruhte flach auf ihrer Brust, die untere Spitze reichte gerade bis zur oberen Wölbung des Busens.
Der Schwanenhals, wie Milch und Honig gefärbt, seidenweich anzufühlen, anmutig lang und schlank, wurde teilweise von ihrem Haar bedeckt. Es hing glatt und so schwarz wie das Samtkleid herab, aber dennoch glänzte es und erinnerte mehr an Satin als an Samt. Sie hatte es auf eine Seite gekämmt, und es verdeckte die rechte Hälfte ihres Halses und einen Großteil des Kleides. Die glänzende Pracht reichte bis zum Oberschenkel.
Sie blieb stehen, beugte sich zu dem Mann am Klavier hinab, flüsterte ihm etwas ins Ohr und legte ihm dabei die schmale Hand auf die Schulter. Roland erstarrte, als er spürte, wie sich die Bestie in seinem Inneren zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder regte. Er wies sie in ihre Schranken. Der Mann nickte und spielte einen Akkord. Sie drehte sich zu der Menge um und stützte sich mit einem Arm auf dem Klavier ab. Beim ersten makellosen Ton, den sie sang, verstummte der gesamte Raum. Ihre Stimme klang so tief und sanft, hätte man ihr eine feste Form gegeben, hätte es nur Honig sein können; sie erfüllte den Schankraum und zog jeden in ihren Bann. Ihre Betonung verlieh dem Text eine tiefere Bedeutung als jemals zuvor.
Sie sang, als würde ihr bei jedem Ton das Herz brechen, doch ihre Stimme schwankte nicht einmal oder ließ in ihrer Intensität nach.
Sie hielt die Sterblichen in ihrem Bann und genoss jeden Augenblick, dachte Roland bei sich. Er sollte gehen und sie sich selbst überlassen, wenn sie sich auf diese groteske Weise zur Schau stellen wollte. Doch sie sang weiter von Liebesleid und unerträglicher Einsamkeit und sah ihn dabei an. Sie blickte ihm in die Augen und ließ ihn nicht mehr los. Fast gegen seinen Willen hatte Roland nur Ohren für ihre überirdisch schöne Stimme. Und obwohl er es nicht wollte, sog er jede Einzelheit ihres Gesichts mit Blicken in sich auf.
Ein perfektes Oval mit einer Knochenstruktur, die so exquisit und makellos war, als hätte ein Bildhauermeister sie angefertigt. Ein kleines, fast spitzes Kinn und ein zierlicher, geschwungener Kiefer. Sanfte Vertiefungen unter den Wangen und hohe, weit auseinander liegende Wangenknochen. Ihre Augen waren mandelförmig und an den äußeren Winkeln leicht nach oben gezogen. Der Eyeliner betonte diese exotische Neigung noch, und die Wimpern waren so pechschwarz wie die Iris, die sie umgaben.
Gegen seinen Willen konzentrierte er sich auf die vollen, ewig schmollenden Lippen, die jedes Wort des Songs formten. Sie hatten eine dunkelrote Farbe, der von Wein nicht unähnlich. Wie viele Jahre verzehrte er sich schon nach diesen Lippen?
Er schüttelte sich. Die Frucht dieser Lippen durfte er niemals kosten. Er richtete den Blick wieder auf ihre Augen. Immer noch waren sie einzig und allein auf ihn gerichtet, als würde sie die Worte nur für ihn singen. Allmählich bemerkte er, dass die Gäste neugierig wurden. Köpfe wurden gedreht, da jeder wissen wollte, wer die Aufmerksamkeit der zurückhaltenden Rhiannon geweckt hatte. Er hatte sich von ihr in den Bann schlagen lassen, genau wie diese arglosen Menschen, und darüber die Gefahr einer Entdeckung vollkommen vergessen. Sollte sie sich ruhig tollkühn verhalten, wenn es ihr gefiel. Er würde seine Existenz nicht gefährden, um sie zu warnen. Wenn er hierblieb, wäre Ärger vermutlich vorprogrammiert. Ihre Nähe weckte die Bestie in ihm immer wieder aufs Neue und aktivierte seine niederen Instinkte. Das war zweifellos ihre Absicht. Aber hätte sie die ganze Wahrheit gekannt, hätte sie es sich vielleicht anders überlegt.
Er ergriff die Tür, ohne den Blick von der Frau abzuwenden, und riss sie auf. Während sie den letzten schwermütig tiefen Ton sang und so lange hielt, dass niemand mehr übersehen konnte, dass sie keine gewöhnliche Frau war, trat er in die beißende Kälte der Herbstnacht hinaus. Doch eine Sekunde später hörte Roland, dass niemand misstrauisch wurde. Er hörte nur donnernden Applaus.








